Private Debt
Die Privatbank hätte dem österreichischen Unternehmer nie so viel Kredit geben dürfen. Laut Experten hat die Bank die branchenüblichen Limiten massiv überschritten.
28. November 2023 • Beat Schmid

Für Kreditspezialisten ist es schwer nachvollziehbar, warum die Bank Julius Bär einem einzelnen Kunden einen derart hohen Kredit gewährt hat. Als Faustregel gilt, dass der Ausfall einer Position nicht mehr als einen Quartalsgewinn ausmachen darf. Nicht auf Konzernebene, sondern in dem Bereich, in dem der Kredit gewährt wurde. Bei Julius Bär entspricht die Position von René Benko mit 606 Millionen Franken rund 60 Prozent des Jahresgewinns oder dem Dreifachen des Quartalsgewinns auf Gruppenebene.

Auch die beiden nächstgrössten Positionen sind für die Bank grenzwertig. Einem nicht genannten Kunden gewährte die Bank einen strukturierten Kredit über 216 Millionen Franken, einem dritten Kunden einen solchen über 140 Millionen Franken. Die drei grössten Kreditnehmer machen damit rund 60 Prozent des gesamten sogenannten Private-Debt-Kreditportefeuilles aus. Das ist eine ungesunde, gefährliche Mischung.

Zumal es sich bei strukturierten Krediten um komplexe Gebilde handelt, die viel Erfahrung in der Strukturierung und in der Überwachung der Werthaltigkeit der Sicherheiten erfordern. Dieses Know-how ist bei einer Privatbank wie Julius Bär nur sehr beschränkt vorhanden. Sie verfügt nicht über ein Firmenkundengeschäft, wo komplexe Kreditfazilitäten zum Tagesgeschäft gehören.

Fehlte ein rudimentäres konzeptionelles Gerüst?

Dass das Private-Debt-Geschäft innerhalb der Bank etwas Exotisches ist, zeigt sich auch daran, dass die Abteilung nicht im Business, also im Wealth Management, angesiedelt ist, sondern dem Finanzbereich zugeordnet wurde. Auch scheint sich die Bank beim Aufbau ihres Private-Debt-Portfolios nicht nur an ein rudimentäres konzeptionelles Gerüst gehalten zu haben.

Ein Kreditexperte erklärt es so: «Wenn man ein Private-Debt-Portfolio aufbaut, definiert man zunächst die angestrebte Grösse des Portfolios. Dann definiert man die maximale Grösse einer einzelnen Position. Allein aus diesen beiden Parametern ergibt sich ein klarer Rahmen, in dem sich die Banker bewegen können.» Bei einem Basket von 1,5 Milliarden Franken, wie im Fall von Julius Bär, läge eine sinnvolle maximale Einzelposition bei 100 Millionen Franken, sagt der Experte. Julius Bär ist mit der Benko-Position also um das Sechsfache über das Ziel hinausgeschossen.

Hinzu kommen spezifische Aspekte wie die Art der Branche, in der der Kunde tätig ist. Die Transparenz der geschäftlichen Aktivitäten. Oder der persönliche Hintergrund des Kreditnehmers. Warum geht man mit einem vorbestraften Financier – es geht um Bestechung – ein derart grosses Klumpenrisiko ein?

Dass die Bank über Ziel hinausgeschossen hat, geht auch indirekt aus einem Statement von CEO Philipp Rickenbacher hervor. Am Montag kündigte er eine Überprüfung des Private-Debt-Geschäft an und des «Rahmens, in dem es betrieben wird».

Ein zweiter Hit wäre einer zu viel

Natürlich gibt es Leute, die argumentieren, dass es für die Bank kein Problem wäre, auch den gesamten Kredit von Benko abzuschreiben. Dann würde sie immer noch Gewinn machen. Sie hat auch genug Eigenkapital, um einen Totalverlust zu verkraften. Die sogenannte Common Equity Tier 1 Ratio lag Ende Oktober bei 16,1 Prozent. Die Bank kann es sich leisten, den gesamten Kredit abzuschreiben und liegt immer noch knapp über 14 Prozent. Das ist die Schwelle, bei der sich die Bank laut CEO Philipp Rickenbacher noch wohlfühlt, um Aktien zurückzukaufen.

Allerdings, und das ist das Problem: Das ist eine Best-Case-Betrachtung im Worst Case. Denn klar ist: Einen zweiten Ausrutscher kann sich die Bank derzeit schlicht nicht leisten. Ein zweiter Hit wäre einer zu viel.

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