Sie haben den Schritt aus der digitalen Nische in den Alltag geschafft. Kryptowährungen wie Bitcoin werden von vielen Banken als Anlagen angeboten, über die Entwicklung der Kurse wird auch in etablierten Wirtschaftsmedien berichtet und viele Private sind in Kryptowährungen investiert, von Ether über Doge bis Meme-Coins. Aber werden die Coins auch zum Bezahlen eingesetzt? Wann haben sie zum letzten Mal im Supermarkt jemanden beobachtet, der sein digitales Wallet öffnet und mit Bitcoin zahlt? Das ist bei vielen Geschäften und Retailern auch gar nicht möglich.
Und in den Short Cuts diese Woche:
• Bitcoin-Treasury made in Switzerland
• Wale drücken auf den Bitcoin-Kurs
Das bestätigt auch der Sprecher der Schweizer Bitcoin-App Relai: «Die Zahlen fallen extrem schwach aus, nur zwischen 3 und 10 Prozent unserer aktuell 100'000 Kunden nutzen ihre Bitcoin-Guthaben auch für Zahlungen». Aktuell sei es für Relai keine Priorität, ein Produkt für Zahlungen einzuführen. Bitcoin würde von den Relai-Kunden als Sparmittel genutzt.
Worldline hat «Stopp» gesagt
Schon vor Jahren boten einzelne Hotels, Restaurant und Läden in der Schweiz die Möglichkeit an, mit Bitcoin zu zahlen, viele haben das wieder eingestellt. Bereits im Jahr 2019 lancierte der Zahlungsdienstleister Worldline auf seinen weit verbreiteten Zahlungsterminals die Möglichkeit, mit Krypto zu bezahlen. Der Terminalbenutzer musste jedoch die Aufschaltung der Funktion explizit beantragen. Das ist aber Vergangenheit: «Worldline hat seine Dienstleistung Worldline Crypto Payments zur Akzeptanz von Kryptowährungen am 15. Juli 2025 eingestellt», teilt eine Sprecherin mit. Dies sei als Reaktion auf den sich rasch wandelnden Markt der digitalen Währungen erfolgt, der eine Neubewertung des Worldline-Angebotes erforderlich gemacht habe.
Doch nun melden sich neue Anbieter. Mitte August lancierte Spar Schweiz in Zusammenarbeit mit dem Anbieter DFX.swiss eine Checkout-Lösung für Digital- und Kryptowährungen inklusive Stablecoins. «Spar ist der erste Schweizer Retailer, der flächendeckend einen solchen Service eingeführt hat. Im Ausland machen Firmen wie Pick&Pay in Südafrika oder Steak ‘n Shake in den USA Ähnliches bereits erfolgreich vor, und konnten einerseits Transaktionskosten reduzieren und andererseits neue Kundengruppen erschliessen», sagt Gregor von Bergen, Head of Payments, Cards & Digital Assets, beim Beratungsunternehmen Capco. Die Transaktionsgebühren liegen bei Kryptozahlungen gemäss Spar um zwei Drittel tiefer als bei Zahlungen mit Twint oder Karten.
Positives Feedback auf OpenCryptoPay
«Das Feedback der Kunden auf den Bezahlstandard OpenCryptoPay ist durchweg positiv. Viele schätzen, wie schnell und unkompliziert der Bezahlvorgang abläuft. Das Transaktionsvolumen wächst kontinuierlich», sagt der DFX-Sprecher Noah Sarkissian. Diese positive Resonanz zeige sich auch auf den sozialen Medien, wo bereits mehrere Nutzer eigene Videos zum Bezahlvorgang veröffentlicht hätten. «Bitcoin ist nach wie vor die beliebteste Kryptowährung an den Kassen. Darüber hinaus werden auch der Frankencoin, ein Schweizer Stablecoin, sowie Monero häufig verwendet», fügt er an. «Wir als DFX, arbeiten laufend an der Erweiterung unseres Angebots und sind, unter Beachtung aller regulatorischen Anforderungen grundsätzlich offen, weitere Kryptowährungen nach einer ausführlichen Prüfung aufzunehmen.» Ziel sei es, ein möglichst breites und attraktives Zahlungsspektrum zu bieten.
Vor wenigen Tagen kündete mit Twint der grösste Schweizer Anbieter für Alltagszahlungen an, künftig könnten Anbieter regulierter digitaler Währungen, etwa durch den Schweizer Franken gedeckte Stablecoins oder tokenisierte Einlagen, sowie Entwickler von E-ID-Lösungen auf die bestehende Twint-Infrastruktur zugreifen. Weil die Pläne für eine Auslandexpansion von Twint offenbar begraben worden sind, bleibt der Markt auf die Schweiz beschränkt. Hier ist die Bezahl-App der Banken bereits der Platzhirsch. Twint wird heute von mehr als 6 Millionen Schweizern genutzt. Von den Nutzerzahlen her hat Twint deshalb nicht mehr viel Potenzial, um zu wachsen und muss Zusatzdienstleistungen finden.
Reaktion auf «Stablecoin»-Vernehmlassung
Dieser Vorstoss kam wenige Tage nach der Eröffnung der Vernehmlassung zur Änderung des Finanzinstitutsgesetzes durch den Bundesrat. Deren Ziel es ist, die Rahmenbedingungen für Marktentwicklung, Standortattraktivität und die Integration innovativer Finanztechnologien wie Stablecoins in das bestehende Finanzsystem zu verbessern. Bisher gilt in der Schweiz wegen einer Aufsichtsmitteilung der Finma de facto ein Stablecoin-Verbot. Gregor von Bergen kommentiert: «Es kann davon ausgegangen werden, dass sich dieser Trend auf den Retail-Bereich ausweiten wird. Twint will in Zukunft mit Stablecoins ins Rennen gehen. Seitens der Regulatorik werden derzeit wichtige Weichen gestellt, sodass Stablecoin-Vorhaben begünstigt werden und mit weiteren Ankündigungen zu rechnen ist.
Es fällt auf, dass der Handel und Akquierer sich nicht festlegen, sondern Lösungen mit Bitcoin & Co. aber auch mit Stablecoins anbieten. Letztere haben den Vorteil, dass die Anwender einfacher damit rechnen können – in ihrer Landeswährung oder anderen Fiat-Währungen wie Dollar und Euro. Werden Stablecoins volatilere Kryptowährungen ausstechen? Mit mehr Rechtssicherheit wird sich gemäss Capco-Experte künftig auch das Angebot erhöhen und es könne davon ausgegangen werden, dass sich Stablecoins schneller als Kryptowährungen als Zahlungsmittel etablieren werden – auch hier spiegle sich das aktuelle Kundenbedürfnis.
Investition nicht Zahlung
Bitcoin & Co würden vorrangig als Investitionsklasse gesehen, nicht als Alternative für die gängigen Zahlungsarten. «Stablecoins hingegen stellen eine direkte Konkurrenz und Alternative für den Verbraucher dar, da auf die altbewährten Eigenschaften einer Fiat-Währung referenziert wird. Wir beobachten dies schon im Ausland, wo auch vermehrt Stablecoins für Warenkäufe eingesetzt werden», sagt von Bergen. Die Anlehnung an eine Fiat-Währung ermöglicht es dem Nutzer einen klaren Wert zu identifizieren und die gewohnte Stabilität der Währung zu erhalten.
«Das hängt von Token zu Token ab. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Bitcoin jemals als Zahlungstoken akzeptiert wird, dafür ist der Verschlüsselungsprozess viel zu träge», sagt Nourdine Abderrahmane von Magpie Projects. Bei Stablecoins hingegen, gerade bei Dollar basierten, sei er überzeugt, dass wir hier grosse Akzeptanzsprünge sehen werden, weil es klare «pain points» löst, wie zum Beispiel den Auslandszahlungsverkehr.
Noch fehlt die Grösse
Im Jahr 2024 übertrafen Stablecoins erstmals das Transaktionsvolumen von Visa und Mastercard. «Mit der neuen US-Regulierung dürften die Blockchain-Dollar ihren Vorsprung weiter ausbauen. Branchenführer im Zahlungsverkehr stehen dadurch unter Druck, Stablecoins in ihre Systeme zu integrieren, um Marktanteile zu sichern», sagt Stefan Höchle, Head Investment Strategy bei Digital Asset Solutions AG. Viele US-Anbieter reagierten bereits, und auch die Schweiz werde dieser Entwicklung nicht entgehen. Solche Initiativen hätten sicher auch Motive, die im Marketing zu suchen seien, aber: «C’est le geste qui compte.»
Doch haben Krypto-Transaktionen angesichts dieser zahlreichen Ankündigungen und Initiativen im Zahlungsverkehr bereits eine kritische Grösse erreicht? «Transaktionen mit Digital- und Kryptowährungen sind in der Schweiz und Europa derzeit noch eine Randerscheinung – gewinnen jedoch zunehmend an Bedeutung, nicht zuletzt, weil sie zahlreiche Vorteile versprechen. Punkten können sie insbesondere mit niedrigeren Transaktionskosten, Abwicklung rund um die Uhr, sofortiger Liquidität und einfacher Akzeptanz ohne kompliziertes Onboarding bei den Acquiring-Schwergewichten wie Nex», sagt dazu von Bergen.
Es kommt zur Co-Existenz
Auch Kreditkartenkonzerne wie Visa experimentieren mit Kryptozahlungen. Ist das eine Überlebensstrategie – würden Kryptowährungen Kreditkarten verdrängen, falls sie sich bei täglichen Zahlungen durchsetzen würden? Über die vergangenen Jahrzehnte hinweg existierten gemäss von Bergen stets mehrere Zahlungsarten in Co-Existenz, an dieser Situation werde sich nichts ändern. «Es ist davon auszugehen, dass die Nutzung von Digital- und Kryptowährungen einen relevanten Platz einnehmen wird – Bar- und Kartenzahlungen jedoch weiterhin ihre Relevanz behalten werden», sagt der Capco-Experte.
Die Verwendung von Bar- oder Kartenzahlung ist gemäss Abderrahmane in vielen europäischen Ländern als gesetzliches Zahlungsmittel gesetzlich verankert. Er sehe wenig Gründe, wieso der Gesetzgeber Anlass hätte, das zu ändern. Es sei auch die Frage der «Produktentwicklung», ob unser bisheriges Geld zukünftig tokenisiert werde und damit eigentlich auch als Krypto zähle. Die EZB habe bereits den e-Euro angekündigt.
Wallets noch zu kompliziert
Doch vorerst sind Krypto-Zahlungen die Ausnahme: Was fehlt für den Durchbruch von Wallet-zu-Wallet Zahlungen? «Es fehlt weiterhin an geeigneten Lösungen für die Custody von Digital- und Kryptowährungen, die eine gleichzeitige Nutzung als Zahlungsmittel erlauben. Dies liegt auch an der aktuellen regulatorischen Ausgestaltung in der Schweiz», sagt von Bergen. Mit der eröffneten Vernehmlassung und der möglichen Veränderung des Finanzinstitutsgesetzes könnte sich dies jedoch ändern. Von Bergen geht davon aus, dass Banken und gängige Zahlungsverkehrsprovider mit einfachen Lösungen für Retail-Kunden in den Markt vordringen werden. Die eigene Verwahrung der privaten Schlüssel entfalle damit, sodass das digitale Wallet zum Standardprodukt neben dem heutigen Konto existieren könne.
«Meines Erachtens fehlt hierzu ein klarer Vorteil für den Benutzer respektive Konsumenten. Was bringt eine Wallet-zu-Wallet Zahlung mehr oder besser, gegenüber einer konventionellen Paypal-Zahlung oder Überweisung», wendet Nourdine Abderrahmane ein. Da für die breite Masse der Bevölkerung nach wie vor ihre Heimatwährung primäre Bezugsgrösse sei für Einnahmen und Ausgaben, falle es ihm schwer, über Nischen-Use Cases hinaus zu überlegen, welche Vorteile diese hätte. «Nischen-Use-Cases auf der anderen Seite sind attraktiv. Denken Sie an vermeidbare Wechselkurskosten und Gebühren», ergänzt der Experte.
Interessant ist auch, wie sich die Akzeptanz von Kryptowährungen im Zahlungsverkehr auf die Wertentwicklung auswirken wird. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Akzeptanz im Zahlungsverkehr und dem Erfolg als Investment Asset? «Es gibt gewisse Synergien. So zeigt sich zum Beispiel, dass Personen, die in Kryptowährungen investieren auch geneigter sind, hiermit eine Zahlung durchzuführen. Man kann jedoch generell davon ausgehen, dass sich diese zwei unterschiedlichen Eigenschaften von Digital- und Kryptowährungen unabhängig voneinander entwickeln werden», sagt Gregor von Bergen. Bei Investment-Assets erwarte man eine Steigerung des Wertes, im Zahlungsverkehr setzt man hingegen auf effiziente und rasche Abwicklung und eine Reduktion von Gegenparteirisiken. Je nach Art des Kundenbedürfnisses würden künftig auch unterschiedliche Digital- und Kryptowährungen zum Einsatz kommen.
Bitcoin wie Gold
Bitcoins wichtigste Anwendungsfälle sind Werterhalt, Zensurresistenz und Unveränderlichkeit. Diese Eigenschaften machen die Kryptowährung gemäss Höchle zu einer attraktiven Ergänzung zu Gold im Anlageportfolio. «Wie beim Edelmetall spielt die Nutzung als Zahlungsmittel eine eher untergeordnete Rolle. Auch als Verfechter der Anlageklasse müssen wir nämlich einräumen, dass Bitcoin kaum als Alltagswährung geeignet ist», ergänzt er. Das schmälere seinen Wert als Investment jedoch keineswegs.
Alternative digitale Assets wie Ethereum und Solana sind gemäss Höchle stärker mit dem Zahlungsverkehr verknüpft. Hier würde das Netzwerkvolumen nicht nur durch die nativen Kryptowährungen selbst, sondern auch durch an Fiat-Währungen gebundene Stablecoins entstehen. «Die Gebühren von Stablecoin-Transaktionen werden in den jeweiligen Netzwerktoken Ether und Solana entrichtet. Steigt das Transaktionsvolumen, profitieren sowohl die Netzwerkvalidatoren als auch die Token-Inhaber», so Höchle.
Short cuts: News aus der digitalen Welt
Bitcoin-Treasury made in Switzerland
Jetzt hat auch die Schweiz eine Strategy. Die Zürcher Future Holdings AG hat in einer Finanzierungsrunde 28 Millionen Franken eingesammelt und will diese Mittel in Bitcoin investieren. Dieses Treasury Modell wurde von Michael Saylor mit dem US-Softwareunternehmen MicroStrategy (heute Strategy) erstmals im grossen Stil umgesetzt. Die Amerikaner setzen für die Bitcoin-Käufe auch viel Fremdkapital ein. Das neue Schweizer Bitcoin-Treasury-Unternehmen sieht sich als eine Art institutionelle Brücke, die Bitcoin mit den globalen Kapitalmärkten verbindet. Folgerichtig befanden sich unter den institutionellen Geldgebern mit Fulgur Ventures, Nakamoto und Tobam drei Unternehmen, die sowohl in der traditionellen Finanzwelt als auch im Krypto-Bereich Investitionen vornehmen.
Zur Geschäftsleitung von Future gehören der Vorsitzende Richard Byworth, geschäftsführender Gesellschafter bei Syz Capital und ehemaliger CEO von Diginex, sowie CEO Sebastien Hess, ein Fintech-Unternehmer, der zuvor bei Rocket Internet und dem Bitcoin-Mining-Unternehmen Block Green tätig war. Weitere Mitbegründer sind Marc Syz, CEO von Syz Capital, Julian Liniger, CEO der Schweizer Bitcoin-App Relai, und Adam Back, Erfinder von Hashcash und CEO von Blockstream.
Das Geschäftsmodell von Future basiert auf einer Bitcoin-lastigen Bilanz, die das Fundament des Unternehmens bildet. Der integrierte Ansatz des Unternehmens kombiniert vier Schlüsselbereiche: Bitcoin-Treasury-Operationen, institutionelle Forschung und Analyse, Infrastruktur- und Verwahrungslösungen sowie Beratungsdienstleistungen – darunter das bevorstehende Future Bitcoin Forum 2026 in der Schweiz.
Wale drücken auf den Bitcoin-Kurs
Am Dienstag ist der Bitcoin erstmals seit Juni unter die Marke von 100'000 Dollar gefallen. Damit hatte die älteste Kryptowährung seit dem Höchststand vor einem Monat über 20 Prozent verloren. Bis am Donnerstag erholt sich die Notierung wieder leicht über diese psychologische Marke. Langjährige Bitcoin-Besitzer mit hohen Beständen (Whales) hatten gemäss Research-Unternehmen in den vergangenen vier Wochen rund 400.000 Bitcoin verkauft – ein Abfluss im Wert von etwa 45 Milliarden Dollar. Weitere Katalysatoren für die jüngsten Kursverluste sind gedämpfte Zinssenkungsfantasien in den USA, gepaart mit Mittelabflüssen aus Spot-ETF. Im Gegensatz zu den Kettenreaktionen, die den Absturz im Oktober auslösten, wird der aktuelle Rückgang von kontinuierlichen Verkäufen am Kassamarkt bestimmt. In den vergangenen Monaten waren starke Ausschläge meist Folge plötzlicher Liquidierungen an den Terminmärkten.

