Die Blockchain ist nichts Exotisches mehr in der Finanzindustrie. Die Studie «Blockchain für Finanzdienstleister – Pulsmesser 2025» des Center for Financial Services Innovation der Universität St. Gallen, Mintminds, PwC und Vision& stellt fest, dass mittlerweile 86 Prozent der befragten Institute eine offizielle Blockchain-Strategie verfolgen. Der Fokus habe sich von der Konzeptionsphase zur Umsetzung verschoben, heisst es in der Studie. Damit habe sich auch eine Verantwortungsübertragung von Innovationsteams auf zentrale Produkteinheiten ergben.
Und in den Short Cuts diese Woche:
• Bitget verlängert Partnerschaft mit Google an der ETH
• Ein Stablecoin für jedes Unternehmen
Für die Studie sind zwischen August und Oktober 2025 insgesamt 28 Banken und Finanzdienstleister in der Schweiz befragt worden – vom Retail-Institut bis zur spezialisierten Krypto-Bank. Und die Einschätzung ändert schnell – und korreliert demnach nicht mit Notierungen von Kryptowährungen wie Bitcoin. 64 Prozent der teilnehmenden Institute attestieren der Blockchain ein hohes langfristiges Potenzial. Das entspricht fast einer Verdoppelung zur Umfrage im Vorjahr. Damals sahen erst 37 Prozent der befragten Institute ein hohes Potenzial.
Grundlage der Infrastruktur
Die Blockchain wird damit zunehmend als grundlegender Baustein zukünftiger Finanzmarktinfrastrukturen verstanden. Die Studie hält fest, dass die Herausforderungen von der Business-Case-Frage hin zu Compliance, Regulierung und IT-Integration verschoben haben.
«Die Frage lautet nicht mehr, ob Blockchain den Finanzplatz verändert, sondern wie schnell die neuen Infrastrukturen sicher und compliant in den Alltag integriert, werden können», lässt sich Bastian Stolzenberg, Direktor bei PwC Schweiz und Co-Autor, in der Studie zitieren. Wer heute in Tokenisierung und Settlement investiere, lege die Basis für die nächste Generation von Wertschriften- und Zahlungsverkehrssystemen.
Kritik am Regulator
Doch die Studie legt den Finger auch auf wunde Punkte. Besonders kritisch bewerten die Befragten die Entwicklung im Bereich Stablecoins und DLT (Distributed Ledger Technology) basiertem Schweizer Franken: 75 Prozent der Institute sind der Ansicht, dass die Schweiz «zu vorsichtig agiert» und dadurch gegenüber dem EU-Regime MiCA ins Hintertreffen geraten könnte.
Mit einer Aufsichtsmitteilung im Juli 2024 verunmöglichte die Finanzmarktaufsicht faktisch die Emission von Stablecoins in der Schweiz. Nach den Richtlinien der Finma benötigen Emittenten eine Banklizenz und müssen alle Halter über ein KYC-Verfahren identifizieren. Doch der Bundesrat erkannte, dass sich die Schweiz damit ins Abseits manövriert. Eine Änderung des Finanzinstitutsgesetzes ist aktuell in der Vernehmlassung.
Ziel dieser Vorlage ist es, die Rahmenbedingungen für die Marktentwicklung, die Standortattraktivität sowie die Integration innovativer Finanztechnologien in das bestehende Finanzsystem zu verbessern. Die Blockade der Schweiz gefährdet die nächste Entwicklungsphase der Finanzbranche – das Settlement. Dabei rücken Stablecoins weltweit im Krypto-Sektor als strategische Priorität in den Vordergrund.
Wenig Interesse an erweiterten Anwendungsfällen
Die befragten Finanzdienstleister reduzieren aber auch das Risiko im Krypto-Geschäft. Die Studie nennt das einen «pragmatischen Rückzug» aus Anwendungsfällen, welche die zentralen Eigenschaften von Blockchain nutzen wie Dezentralisierung, Transparenz, kryptografische Sicherheit, Konsensmechanismen und Smart Contracts, zur Steigerung von Effizienz, Automatisierbarkeit und Vertrauenswürdigkeit in komplexen Finanzprozessen.
In der Studie heisst es dazu, der Markt bündle seine Ressourcen und ziehe sich von spekulativen «Advance Applications» zurück. Im Vergleich zu 2024 ist die Aktivität rund um erweiterte Blockchain-Anwendungsfälle deutlich zurückgegangen. 61 Prozent der befragten haben für spekulative Anwendungen keine Pläne und wollen sich zunächst auf die Beherrschung der grundlegenden Bereiche der Tokenisierung fokussieren.
Umbau der Organisation
Die Studie hält auch fest, dass die hiesigen Finanzinstitute ihre Organisationen im Kryptobereich anpassen, Tobias Trütsch vom Center for Financial Services Innovation der HSG, schreibt dazu: «Unsere Daten zeigen klar: Institute mit eigenen Blockchain-Teams machen deutlich schneller Fortschritte, während andere noch zögern. Das schafft neue Chancen, aber auch Risiken für ihre zukünftige Wettbewerbsfähigkeit.»
Kryptowährungen haben sich im Schweizer Bankensektor von einem Nischenthema zu einem fest etablierten Geschäftsfeld entwickelt. Produktive Angebote, steigende Kundenvermögen und ein erweitertes Dienstleistungsportfolio unterstreichen die zunehmende Breite und Tiefe des Marktes.
Thierry Hess, von Vision& und Co-Autor der Studie, beantwortet die Fragen von tippinpoint.ch zur Studie.
Herr Hess, dass fast 90 Prozent der befragten Finanzunternehmen eine Blockchain-Strategie haben, erstaunt doch, weil der Retail-Kunde wenig davon sieht. Sind das vielfach Projekte zur Optimierung von «Backoffice-Arbeiten» oder Angebote für Institutionelle?
Hier ist eine differenzierte Betrachtung notwendig. Die hohe Quote von 86 Prozent spiegelt vor allem den Reifegrad der befragten Institute, von denen ein Grossteil bereits im Bereich digitaler Vermögenswerte aktiv ist. Es handelt sich dabei keineswegs um reine Effizienzsteigerung im Hintergrund. Die Motivationslage hat sich grundlegend gewandelt. Standen früher explorative Innovationsziele im Fokus, treiben heute konkrete geschäftliche Ambitionen die Strategien an. Fast die Hälfte der Institute nennt offensive Ziele wie Wachstum und Neukundengewinnung oder defensive Motive wie Kundenbindung als Haupttreiber. Dass über 60 Prozent der Banken bereits über ein produktives Angebot verfügen, unterstreicht, dass die Thematik im Markt angekommen ist. Für den Retail-Kunden manifestiert sich Blockchain bislang vor allem dort, wo digitale Vermögenswerte als eigenständige Anlagekategorie angeboten werden.
Während des Befragungszeitraums erklomm der Bitcoin neue Höchst. Hat das einen Einfluss auf die Stimmungslage, d.h. die Akzeptanz von Blockchain-Produkten?
Die Frage zielt auf Bitcoin, das digitale Asset-Ökosystem ist aber mehr. Die Ergebnisse zeigen eine klare Festigung der strategischen Überzeugung, die deutlich über einzelne Krypto-Assets hinausgeht. Zwar können Marktbewegungen kurzfristig Aufmerksamkeit erzeugen, die strategische Akzeptanz von Blockchain ist jedoch zunehmend von Kurszyklen entkoppelt. Der Anteil der Entscheidungsträger, die der Technologie ein hohes langfristiges Potenzial zuschreiben, ist sprunghaft angestiegen. Die Grundsatzdiskussion über die Daseinsberechtigung der Technologie ist damit weitgehend beendet. Die Institute bewerten Blockchain zunehmend als fundamentale Infrastrukturkomponente der künftigen Finanzmärkte und fokussieren sich nun auf die operative Umsetzung statt auf die Frage des «Ob».
In der Studie heisst es, die Verantwortung werde nun auf zentrale Produktionseinheiten übertragen. An welche Arten von Produkten wird gearbeitet?
Die Verlagerung der Verantwortung von Innovationsabteilungen hin zu den Produkt- und Geschäftsentwicklungsbereichen ist ein klares Indiz für die zunehmende Professionalisierung. Inhaltlich konzentrieren sich die Banken auf den Ausbau eines umfassenden Dienstleistungsportfolios. Während Verwahrung und Handel mittlerweile als Hygienefaktoren gelten, die von über 90 Prozent der aktiven Institute abgedeckt werden, sehen wir eine funktionale Erweiterung. Insbesondere das Staking gewinnt an Bedeutung und wird bereits von 68 Prozent der aktiven Banken angeboten oder vorbereitet. Insgesamt entwickelt sich das Angebot weg vom reinen «Kaufen und Halten» hin zu integrierten Lösungen, bei denen digitale Vermögenswerte auch zum Transferieren respektive Bezahlen, Belehnung oder Portfoliointegration genutzt werden können.
Die Marktteilnehmer würden sich von spekulativen Advanced Applications zurückziehen - was ist damit gemeint?
Damit ist eine strategische Konsolidierung gemeint. Die Banken ziehen Ressourcen von komplexen, langfristigen Visionen ab, etwa Blockchain-Lösungen für digitale Identitäten, da sich hierfür noch keine standardisierten Geschäftsmodelle etabliert haben. Über 60 Prozent der Institute verfolgen in diesen Bereichen derzeit keine aktiven Pläne. Stattdessen werden Kapital und Personal auf jene Felder fokussiert, die regulatorisch greifbarer sind und einen zeitnahen wirtschaftlichen Nutzen versprechen, namentlich Tokenisierung und Settlement-Infrastrukturen.
Apropos Tokenisierung. In diesem Segment gab es viele Ankündigungen, aber bisher wenig Produkte (etwa Aktientoken). Ändert das bald?
Die Zurückhaltung bei der Produktlancierung ist nicht mehr auf mangelndes Interesse zurückzuführen, sondern auf die Komplexität der Umsetzung. Während 2024 noch der fehlende Business Case als Haupthindernis galt, hat sich die Problematik nun verschoben. Heute nennen 35 Prozent der Institute Compliance-Anforderungen als grösste Hürde. Die Institute sehen den geschäftlichen Nutzen durchaus, kämpfen jedoch mit der anspruchsvollen Integration dieser neuen Asset-Klasse in die bestehenden Governance- und Risikoprozesse. Sobald diese operativen Hausaufgaben gelöst sind, ist mit einer Zunahme der Angebote zu rechnen.
Hat der Rückstand der Schweiz bei Stablecoins einzig mit der kritischen Haltung des Regulators zu tun – und bringt die laufende Vernehmlassung die Wende?
Die regulatorische Vorsicht ist ein gewichtiger Faktor. Drei Viertel der Befragten sehen die Schweiz hier im Hintertreffen und eine Mehrheit bemängelt fehlende regulatorische Klarheit. Allerdings ist dies nicht der alleinige Grund. Als noch grösseres Hindernis wird mit 68 Prozent die aktuell fehlende Kundennachfrage identifiziert, gefolgt von der mangelnden Wirtschaftlichkeit im aktuellen Zinsumfeld. Die laufende Vernehmlassung adressiert zwar spezifische Standortnachteile, etwa durch neue Bewilligungskategorien. Ein struktureller Nachteil bleibt jedoch bestehen: Im Gegensatz zum EU-Regime MiCA fehlt Schweizer Instituten das regulatorische Passporting und damit der vereinfachte Zugang zum gesamten europäischen Markt.
Ist es ein Nachteil, dass die Schweiz nur noch eine Grossbank hat – würde hier Konkurrenz auch den Krypto-Bereich treiben?
Die Studienergebnisse lassen keinen direkten Rückschluss auf die Auswirkungen der Konsolidierung im Grossbankensektor zu. Die Daten zeichnen jedoch das Bild eines Innovationswettbewerbs, der nicht allein von der Spitze abhängt, sondern in der Breite des Finanzplatzes stattfindet. Die Dynamik wird massgeblich von einer diversen Gruppe getragen. Sowohl Universalbanken und Retail-Institute als auch spezialisierte Transaktionsbanken und Private-Banking-Akteure treiben die Entwicklung parallel voran. Da ein Drittel der Institute bereits signifikante Personalressourcen von über zehn Vollzeitstellen in diesem Bereich aufgebaut hat, ist ersichtlich, dass der Wettbewerbsdruck und der Innovationswille im Gesamtmarkt fest etabliert sind unabhängig von der Anzahl der global systemrelevanten Banken an der Spitze.
Short cuts: News aus der digitalen Welt
Bitget verlängert Partnerschaft mit Google an der ETH
Die Kryptobörse Bitget verlängert die Partnerschaft mit der Google Developer Group on Campus (GDG) ETH Zürich. Im Rahmen der Bildungsinitiative Blockchain4Youth wird Bitget im kommenden Jahr mehrere GDG-Veranstaltungen wie Hackathons und Workshops unterstützen und mitorganisieren. Die Partnerschaft mit der GDG-Gruppe begann Anfang 2025 mit dem Sponsoring mehrerer Veranstaltungen. Die Google Developer Group on Campus sind universitäre Community-Gruppen für technikinteressierte Studenten mit weltweit über 1260 Clubs. Die 2020 gegründete Zürcher Gruppe ist eine studentische Tech-Community für Studenten der ETH Zürich. Die Kooperation umfasst die gemeinsame Organisation mehrerer Bildungsinitiativen, um Studierende bei der Entwicklung ihres Wissens über neue Technologien zu unterstützen. Ignacio Aguirre, CMO von Bitget, kommentiert die Zusammenarbeit: «Wir setzen die Arbeit mit der Google Developer Group Community fort und bauen unser Engagement für Innovation und Bildung weiter aus. Das Ziel ist es, nicht nur unser Fachwissen zu teilen, sondern auch die Entwickler von morgen aktiv zu unterstützen und zu fördern». Bitget wurde 2018 gegründet und ist eine führende Kryptowährungsbörse mit über 100 Mio. Nutzern in mehr als 150 Ländern.
Ein Stablecoin für jedes Unternehmen
Die Kryptobörse Coinbase hat eine neue Plattform für White-Label-Stablecoins angekündigt. Mit diesem Service können Unternehmen Stablecoins unter ihrer eigenen Marke auflegen und eine kontrollierbare Liquidität gewährleisten. Mit diesem Schritt soll die Lücke zwischen traditionellen Anlagen und Kryptowährungen geschlossen und Wallet-Inhabern mehr Investitionsmöglichkeiten geboten werden. Diese Dienstleistungen bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihr eigenes Tickersymbol und Branding sowie eigene Belohnungen und Anreize zu nutzen. Die Ausgabe erfolgt durch Coinbase. Nach der Verabschiedung des Genius Act für den US-Markt kommt es vermehrt zur Einführung von Stablecoins. Da Blockchains sich zunehmend als Standardinfrastruktur etablieren, können Projekte private Währungen und Ökosysteme auf Basis von Stablecoins testen. Auch andere Krypto-Organisationen wie Ethena, Agora Finance und BitGo brachten White-Label-Stablecoins auf den Markt. Noch dominieren Tether und USD-Coin von Circle den Markt, doch Nischenprodukte wie USD1 von World Liberty Financial könnten den Weg für weitere Assets im Ökosystem ebnen.

