In der zweiten Hälfte des Jahres soll der Euro-Stablecoin von Qivalis im Markt eingeführt werden. Nun haben schon viele Start-ups und auch Zentralbanken in Europa einiges punkto Stablecoin versprochen – und wenig ist passiert. Doch bei Qivalis dürfte das anders sein. Denn dies ist ein Gemeinschaftsprojekt von 12 grossen EU-Banken, darunter ING, Unicredit, BBVA und BNP Paribas, die einen an den Euro gekoppelte Stablecoin entwickeln, den sie in der zweiten Jahreshälfte einführen wollen.
Und in den Short Cuts diese Woche:
- Iran zeigt die dunklen Seiten des Bitcoins
- Die «Strategy» der Ethereum-Welt
Das im Dezember 2025 gegründete Unternehmen hat seinen Sitz in Amsterdam und strebt eine Lizenz als Electronic Money Institution (EMI) bei der niederländischen Zentralbank an. Zum Vergleich: Der im Frühling 2022 im Umfeld der Ex-Politikerin Pascale Bruderer gegründete Swiss Stablecoin gab Anfang dieses Jahres bekannt, dass die Partner wie Postfinance und UBS in einem isolierten technischen Umfeld (Sandbox) erste Anwendungsfälle ausführen würden.
Coinbase-Manager als CEO
Jan-Oliver Sell ist CEO von Qivalis. Der ehemalige Banker ist seit zehn Jahren im Krypto-Bereich unterwegs – zuletzt als Chef von Coinbase Deutschland. An einer Veranstaltung von Capco, einem globalen Consultant für Finanzdienstleister, in Zürich, legt er die Strategie von Qivalis dar. Die Initiative sei darauf ausgelegt, eine europäische Alternative zum von den USA dominierten Stablecoin-Markt zu bieten und zur strategischen Autonomie der EU im Zahlungsverkehr beizutragen. «Es gibt zahlreiche Stablecoin-Projekte in Europa, diese haben einen Marktanteil von 0,25 Prozent, wohingegen der Euro rund einen Viertel am globalen Devisenmarkt ausmacht», erläutert der CEO das Ungleichgewicht im Stablecoinmarkt.
Die Initiative der Europäischen Zentralbank für einen digitalen Euro sieht Sell nicht als Konkurrenz, da der «EZB-Euro» nicht blockchainbasiert sein dürfte. Der Stablecoin von Qivalis würde Unternehmen und Verbrauchern ermöglichen, blockchainbasierte Zahlungen und Abwicklungen in Euro vorzunehmen, ohne auf traditionelle Finanzinfrastrukturen oder ausländische Drittanbieter angewiesen zu sein. «Unser Krypto-Euro ist digitales Geld auf der Blockchain», sagt Sell. Digitales Geld gebe es in Europa schon lange.
Liquidität ist King – und Grundvoraussetzung
Die Zahlungstätigkeit des Krypto-Euro dürfte sich dabei vor allem auf grenzüberschreitende Zahlungen ausserhalb der EU fokussieren, denn innerhalb der EU gebe es bereits ein effizientes Zahlungssystem. In Europa werde der Krypto-Euro dagegen als Abrechnungswährung für tokenisierte Assets eingesetzt werden. Zudem «werden AI-Agenten ihre Guthaben nicht auf einem Bankkonto, sondern auf der Blockchain halten» umreisst er die Zukunft.
Qivalis befindet sich nach Angaben von Sell in fortgeschrittenen Gesprächen mit Krypto-Börsen, Market Makern und Liquiditätsanbietern, um sicherzustellen, dass der Token auf regulierten Plattformen gelistet wird und von Anfang an über eine starke Liquidität verfügt. «Liquidität ist Trumpf für Krypto-Geld», sagt der Qivalis-CEO. Es gebe viele Stablecoin-Projekte in Europa, die alle ein Liquiditätsproblem hätten. Das ist auch in den USA nicht anders, dort gibz es Hunderte von Stablecoins, aber nur zwei von Ihnen teilen 99 Prozent der Liquidität unter sich auf.
Distribution in der Bankenstruktur
Aus diesem Grund setzt das Unternehmen auf europäische Grossbanken als Emittenten. «Bank issued» ist ein Pfeiler des Qivalis-Stablecoins. Dabei handle es sich um institutionelle Liquidität und Distribution, die auf Krypto basiert, so Sell. Das Projekt verfolgt ein zweistufiges Vertriebssystem, die Stabilität und Verbreitung des Tokens baut auf der traditionellen, regulierten Bankenstruktur auf, statt direkt von einer unregulierten Plattform zum Endkunden zu fliessen.
Pfeiler des Stablecoins sind auch die MiCA-Regulierung und die Technologieneutralität. Der Coin wird auf mehreren Blockchains laufen, die Entwicklungsarbeit erfolgt auf Ethereum. Qivalis entwickle eine marktneutrale Infrastruktur mit dem Fokus auf Geldausgabe. Die Anwendungsfälle für diese Blockchain-Währung würden dann die einzelnen Banken entwickeln. Erste use cases der Finanzinstitute werden im Jahr 2027 erwartet.
Verzinsung ist vom Tisch
Ein weiterer Pfeiler sind die «segregated reserves». Der Stablecoin wird 1:1 abgesichert sein, wobei mindestens 40 Prozent der Reserven in Bankeinlagen gehalten werden und der Rest in hochwertige, kurzfristige Staatsanleihen der Eurozone investiert wird, die über EU-Länder hinweg diversifiziert sind. Die Reserven werden bei mehreren hoch bewerteten Kreditinstituten gehalten, und das Design sieht eine 24/7-Einlösung für Token-Inhaber vor.
Die MiCA-Regulierung untersagt eine Verzinsung von Stablecoins, während in den USA darüber noch gestritten wird. Zahlreiche Krypto-Experten – auch Sell – halten die MiCA-Regulierung gegenüber der US-Gesetzgebung mit Genius- und Clarity-Act im Kryptobereich als überlegen an. Mit dem Zinsverbot dürfte das Stablecoin-Geschäft in Euro für das Konsortium eine rentable Angelegenheit werden. Der Gewinn des dominierenden Dollar-Stablecoin-Anbieters Tether überstieg im vergangenen Jahr die 10 Milliarden-Dollar-Grenze deutlich. Tether verzinst die eigenen Stablecoins ebenfalls nicht.
Qivalis will noch weitere Banken ins Konsortium aufnehmen. Sell will sich zu weiteren Partnern nicht äussern. Aber im Umfeld heisst es, es würden Verhandlungen geführt. «Die Art wie wir denken, trifft auch für die Schweiz zu», sagt Sell an der Veranstaltung in Zürich. Vielleicht lanciert das Konsortium in den nächsten Jahren einen vergleichbaren Franken mit den hiesigen Banken.
Short cuts: News aus der digitalen Welt
Iran zeigt die dunklen Seiten des Bitcoins
Bitcoin hilft unterdrückten Bürgern, ihr Erspartes vor den Mullahs in Sicherheit zu bringen. Das ist die Theorie – und nur die Hälfte der Wahrheit. Eine Reuters-Recherche zeigt nun, dass die Mullahs an digitalen Transaktionen kräftig mitverdienen. Nobitex, Irans grösste Kryptobörse, wurde laut einer Untersuchung des Wirtschaftsnachrichtendienstes von zwei Brüdern aus einer der einflussreichsten Familien der Islamischen Republik gegründet, die Verbindungen zu den obersten Führern unterhält. Die Gründer der Börse, Ali und Mohammad Kharrazi, verwendeten in Unternehmensunterlagen und im Berufsleben das Pseudonym «Aghamir», um Verbindungen zur Kharrazi-Dynastie zu verschleiern. Die Familie Kharrazi unterhält seit Generationen Verbindungen zur obersten Staatsführung, einschliesslich Kontakten zu Ali Khamenei und seinem Nachfolger Mojtaba Khamenei, und nimmt selbst wichtige Positionen ein. Der Grossvater von Ali und Mohammad war Mitglied der Expertenversammlung, dem Gremium, das für die Ernennung des obersten Führers des Iran zuständig ist, und unterrichtete einst Mojtaba Khamenei. Ihr Vater, Ayatollah Bagher Kharrazi, gründete die Hisbollah. Nobitex bedient angeblich über 11 Millionen Kunden und bleibt auch während des Konflikts zwischen den Vereinigten Staaten und Israel in Betrieb – auch während des landesweiten Internetausfalls.
Analysten teilten Reuters mit, dass während des Krieges Transaktionen im Wert von über 100 Millionen Dollar abgewickelt wurden – vornehmlich Geldströme ins Ausland. Die Börse soll auch Transaktionen im Zusammenhang mit sanktionierten Einrichtungen abgewickelt haben. Das Analyseunternehmen Elliptic identifizierte verdächtige Geldströme in Höhe von rund 366 Millionen Dollar, während Chainalysis die Zahl bei 68 Millionen Dollar ansetzte und Crystal Intelligence sanktionierte Wallets in Höhe von «lediglich» 22 Millionen Dollar aufspürte. Zudem sollen mit der iranischen Zentralbank verbundene Wallets 2025 Kryptowährungen im Wert von Hunderten von Millionen Dollar an Nobitex gesendet haben, als Teil einer umfassenderen Strategie zur Umgehung finanzieller Restriktionen. Wie der Krypto-Newsdienst Cointelegraph berichtete, haben die USA im Rahmen der «Operation Economic Fury» Kryptowährungen im Wert von 500 Millionen Dollar beschlagnahmt, die mit dem Iran in Verbindung stehen.
Die «Strategy» der Ethereum-Welt
Michael Saylor hat die Idee des Bitcoin-Treasury-Unternehmens kreiert. Mittlerweile kooperieren zahlreiche Gesellschaften seine Bitcoin-Akkumulation auf die eigene Bilanz. Doch das Unternehmen Bitmine Immersion Technologie ist wohl Saylors Firma Strategy am ähnlichsten – ausser das es statt Bitcoins Ether (den Token der Ethereum-Blockchain) kauft. Während viele Bitcoin-Treasury-Gesellschafte im Bärenmarkt die Akkumulation stoppten – aus Liquiditätsgründen oder aus Zweifeln – kaufte Michael Saylor weiter und Bitmine ebenfalls. Jüngst räumten Saylor angesichts des hohen Quartalsverlustes jedoch an, Bitcoins verkaufen zu wollen.
Bitmine hat seine Strategie erst im laufenden Jahr voll auf Ethereum ausgerichtet, das aber konsequent. Das erklärte Ziel ist die «Alchemy of 5%» – also der Besitz von 5 Prozent des gesamten umlaufenden Ether-Angebots. Ende April erwarb das Unternehmen, mit dem Börsenkürzel BMNR, Ethereum im Wert von 234 Millionen Dollar, was der bisher grössten Wochenkauf war. Damit kommt Bitmine dem Volumen von Strategy nahe, wenn man dessen einzelne unregelmässige Milliardenkäufe ignoriert. Aktuell besitzt das Ether-Treasury-Unternehmen 5,2 Millionen Ether mit einem Wert von rund 13 Milliarden Dollar, was 4,3 Prozent des gesamten Angebots entspricht. Doch es gibt einen markanten Unterschied zu Strategy. Weil Bitmine 4,3 Millionen Ether im eigenen Netzwerk staked, erzielt das Unternehmen darauf rund 300 Millionen Dollar Einnahmen im Jahr. Prominente Investoren wie Cathie Wood, Founders Fund und Galaxy Digital unterstützen die aggressive Treasury-Strategie des Unternehmens.

