Mit Alan Greenspan ist der Mann gestorben, der die Finanzmärkte über fast zwei Jahrzehnte geprägt hat wie kein Zweiter. Für die einen war er der grösste Notenbankchef aller Zeiten, für die anderen der Vater des «Greenspan-Put» – und damit einer Politik, deren Nebenwirkungen die Welt bis heute beschäftigen. Zum Auftakt unserer neuen Kolumne streiten Bulle und Bär über das Vermächtnis einer Legende. Unversöhnlich und pointiert.
Bulle: Alan Greenspan ist tot, zu Lebzeiten schon eine Legende und der beste Notenbankchef, den die USA und die Welt gesehen hat. Bär: Ein Orakel war er, mit einer Heerschar von Interpreten, die sich nach seinen Konferenzen einen Reim auf das vage Gemurmel machen mussten. Hast du denn verstanden, was er vor sich hingenuschelt hat? Bulle: Wichtig war nur, dass er die Finanzmarktteilnehmer verstanden hat und dass er wusste, wie er sie zu lenken hat. Bär: Ja, jedesmal, wenn es ungemütlich wurde an der Börse, hat er sein Beruhigungsmittel verteilt und die Zinsen gedrückt, angefangen beim Crash 1987, in der Asienkrise von 1997/98 und so fort. Bulle: Das Mittel hat gewirkt. Bär: Leider hat er die Langzeitfolgen ausser Acht gelassen. Seine Politik des billigen Geldes war mitverantwortlich dafür, dass die Dotcom-Blase sich so stark aufblähte. Und er hatte Mitschuld an der Finanzkrise, auch wenn er zu der Zeit schon abgetreten war. Bulle: Spekulationsblasen wird es immer wieder geben. Greenspan hat 1996 selber vor «irrationalem Überschwang» gewarnt.«Seine Annahme, dass sich die Märkte von selber stabilisieren, war einfach falsch.»
Bär: Und nichts dagegen getan. Seine Annahme, dass sich die Märkte von selber stabilisieren, war einfach falsch. Das hat er irgendwann selber eingesehen.
Bulle: Es bleibt dabei, als Greenspan Chef des Fed war, hatten wir alles in allem eine wirtschaftliche Blütezeit. Und in einer Krise muss man entschlossen handeln. Das tat er, die Märkte konnten sich auf den «Greenspan-Put» als Absicherung verlassen.Bär: Er hat’s erfunden und eine unselige Tradition begründet, Bernanke-Put, Yellen-Put, Powell-Put und in Europa der Draghi-Put. Bei Bedarf sind sie den Märkten willig zu Hilfe geeilt. Und zu allem sind Greenspans Nachfolger immer geschwätziger geworden. Sie haben mehr und mehr Hinweise auf ihre künftige Zinspolitik gegeben.
Bulle: Was hast du gegen so eine Forward Guidance? Das bringt mehr Transparenz und Transparenz wollen und fordern heute doch alle. Mich fürchtet es vor dem neuen Fed-Chef Kevin Warsh. Der will nicht mehr so viel kommunizieren, mit dem absehbaren Resultat, dass sich die Börsianer schwer mit der Erwartungsbildung tun werden. Und die Folge der steigenden Unsicherheit wird sein, dass die Kursschwankungen an den Börsen stark zunehmen.«Es bleibt dabei, als Greenspan Chef des Fed war, hatten wir alles in allem eine wirtschaftliche Blütezeit.»
Bär: Falsche Perspektive. Die wichtige Folge davon wird sein, dass man sich der Anlagerisiken wieder bewusster wird. Das wäre nötig. Das Geschwätz und die Put-Versprechen der Notenbanker sind doch ein Hauptgrund dafür, dass die Anleger das Risikobewusstsein verloren haben. Gerade die kleinen kaufen mehr und mehr Aktien auf Kredit. Und jeder kleine Kursrücksetzer wird heute zum Anlass genommen, nachzukaufen. Bulle: «Buy the dip», das mache ich auch gerne mal. Bär:Du leidest eben wie so viele unter «Fomo», der Angst, etwas zu verpassen. Bulle: Du bist ein Pessimist. Bär: Stimmt. Wohin haben uns die Notenbanker, angefangen mit Greenspan, mit ihrer Politik des billigen Geldes gebracht? In eine Welt voll Schulden. Ich fürchte mich vor dem Moment, an dem an den Märkten die Stimmung wirklich kippt, wenn aus dem sorglosen «Risk-on» ein anhaltendes «Risk-off» wird. Schon die Dotcom-Blase mündete in eine grosse Krise, die Finanzkrise war noch grösser, und nun? Bulle: Folgt der Weltuntergang, wie ich annehmen darf. Bär: Jetzt spottest du noch. Aber die nächste grosse Krise könnte eine werden, die auch all die orakelnden Notenbanker endgültig überfordern wird.

