Barclays-CIO im Interview
Mathias Gonzalez erklärt, weshalb die milliardenschweren KI-Investitionen die Weltwirtschaft antreiben, warum die Dominanz der Tech-Konzerne Risiken birgt und worauf Investoren jetzt achten sollten.
29. Juni 2026 • Beat Schmid

Mathias Gonzalez ist seit November 2024 bei Barclays in Genf tätig. Der Chief Investment Officer und Head of Investments für die Schweiz und den Nahen Osten der Barclays Private Bank. Wir treffen ihn zum Gespräch in den Büros der Barclays Investment Bank im Zürcher Engequartier.

Herr Gonzalez, das Thema künstliche Intelligenz elektrisiert derzeit die Finanzmärkte. Wie beurteilen Sie die Entwicklung?

KI ist heute ein Thema, an dem kein Investor vorbeikommt. Besonders interessant sind die sogenannten Hyperscaler, also die grossen Technologieunternehmen, die massiv in Rechenzentren, Infrastruktur und KI-Anwendungen investieren. Allein die drei grössten Hyperscaler werden 2026 voraussichtlich mehr als 700 Milliarden US-Dollar investieren. Das entspricht einem Anstieg von rund 80 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Diese Investitionen sind nicht nur für die Unternehmen selbst relevant, sondern wirken wie ein Konjunkturprogramm für die gesamte Wirtschaft. Sie schaffen Nachfrage, fördern Innovationen und unterstützen das Wirtschaftswachstum. Das findet in einem Umfang statt, wie wir das in dieser Form bisher noch kaum gesehen haben.

Ist dieses Wachstum nachhaltig oder befinden wir uns in der Phase der Überhitzung wie während der Dotcom-Blase?

Jede Marktphase hat Gemeinsamkeiten mit früheren Zyklen, aber es gibt nie eine exakte Wiederholung der Geschichte. Entscheidend ist, die Unterschiede zu erkennen. Heute verfügen die Unternehmen über deutlich stärkere Bilanzen, höhere Transparenz und bessere Daten als während der Dotcom-Ära. Für uns steht deshalb die Analyse der Fundamentaldaten im Vordergrund. Entscheidend sind Cashflows, Gewinne und die Frage, ob die enormen Investitionen langfristig wirtschaftlichen Nutzen generieren. Solange Unternehmen über robuste Cashflows verfügen, handelt es sich nicht um reine Zukunftsfantasien. Natürlich beobachten wir aufmerksam, ob die hohen Investitionen künftig tatsächlich zu den erwarteten Erträgen führen. Diese Frage wird in den kommenden Jahren zentral sein.

Viele Aktienindizes werden inzwischen von wenigen grossen US-Technologiekonzernen dominiert. Ist das ein Risiko?

Diese Konzentration ist tatsächlich ein Problem. Sie hat dazu geführt, dass Investoren mit einer passiven Indexstrategie besonders stark von den Kursgewinnen der grossen Technologiewerte profitieren konnten. Allerdings wirkt Konzentration immer in zwei Richtungen: Wenn wenige Titel einen Markt nach oben treiben, können dieselben Titel ihn auch nach unten ziehen. Deshalb bleibt Diversifikation ein wichtiger Baustein. Wir bevorzugen einen ausgewogenen Ansatz: Technologie bleibt attraktiv, gleichzeitig kombinieren wir diesen Bereich mit defensiveren Sektoren wie Gesundheit. Dadurch entsteht ein robusteres Portfolio mit unterschiedlichen Ertragsquellen.

Wie positionieren Sie Portfolios aktuell?

Angesichts geopolitischer Unsicherheiten und eines anspruchsvollen makroökonomischen Umfelds verfolgen wir derzeit eine eher neutrale Positionierung. Wir setzen nicht auf extreme Über- oder Untergewichtungen einzelner Anlageklassen. Wichtiger ist es, bei Marktrückschlägen gezielt Chancen zu nutzen. Statt systematisch Gewinne mitzunehmen, bevorzugen wir es, in Phasen erhöhter Volatilität selektiv Positionen aufzubauen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf zusätzlichen, möglichst unkorrelierten Renditequellen. Gerade wenn die Unsicherheit hoch ist, gewinnt die Diversifikation über verschiedene Anlageklassen und Strategien an Bedeutung.

Und konkret heisst das?

Wir sehen drei zentrale Schwerpunkte. Erstens bleiben Unternehmensanleihen aufgrund der attraktiven Renditen interessant. Das aktuelle Zinsniveau bietet Investoren wieder laufende Erträge, die über viele Jahre kaum verfügbar waren. Zweitens wollen wir am KI-Trend partizipieren, allerdings selektiv. Es geht nicht nur um die grossen Technologiekonzerne. Interessant sind auch Unternehmen, die von der KI-Wertschöpfungskette profitieren und als Zulieferer oder Infrastruktur-Anbieter agieren. Drittens steht die Widerstandsfähigkeit des Portfolios im Vordergrund. Investoren sollten nicht ausschliesslich auf Renditepotenziale achten, sondern ebenso auf Risikomanagement und Stabilität.

Die Private Markets befinden sich auf dem Prüfstand. Wie sehen Sie die Anlageklasse?

Private Markets bleiben ein wichtiger Bestandteil vieler Vermögensstrategien. Allerdings betrachten wir Private Equity, Private Debt, Infrastruktur und Immobilien als unterschiedliche Anlageklassen mit jeweils eigenen Eigenschaften. Die Chancen sind weiterhin vorhanden. Gleichzeitig hat sich das Umfeld verändert. Die Unterschiede zwischen den besten und den schwächsten Managern sind heute enorm. Deshalb ist die Managerselektion wichtiger denn je.

Was würde Sie sagen, sind Private Markets heute weniger attraktiv als noch vor fünf Jahren?

Nicht unbedingt. Allerdings genügt es nicht mehr, einfach pauschal auf die Anlageklasse zu setzen. Investoren müssen sehr genau verstehen, wie Renditen erzielt werden, wie lange Kapital gebunden ist und welche Risiken damit verbunden sind. Viele Anleger konzentrieren sich auf die erwarteten zweistelligen Renditen. Häufig wird jedoch unterschätzt, dass diese Renditen mit Illiquidität verbunden sind. Wer in Private Markets investiert, muss bereit sein, Kapital über viele Jahre zu binden. Für vermögende Familien ist das oft kein Problem. Für andere Investoren kann die eingeschränkte Liquidität jedoch ein wesentlicher Faktor sein.

Worauf achten Sie bei der Auswahl von Private-Market-Managern?

Wir setzen auf Manager mit nachweisbarer Erfolgsbilanz und einer klar verständlichen Investmentstrategie. Sobald die Herkunft der Renditen nicht mehr nachvollziehbar ist oder übermässige Fremdfinanzierung eingesetzt wird, werden wir vorsichtig. Besonders interessant finden wir spezialisierte Nischenmanager, die über tiefes Branchenwissen verfügen und einen klar definierten Investitionsansatz verfolgen. Generalisten, die vermeintlich alles können, betrachten wir deutlich kritischer.

Sie beschäftigen sich intensiv mit dem Thema «Next Generation Wealth». Wie unterscheiden sich junge Vermögensinhaber von ihren Eltern?

Die Unterschiede werden immer sichtbarer. Die erste Generation hat ihr Vermögen häufig selbst aufgebaut und vertraut auf Strategien, die über Jahrzehnte erfolgreich waren. Die zweite Generation beginnt zunehmend, bestehende Strukturen zu hinterfragen. Sie diskutiert beispielsweise, ob mehr Illiquiditätsprämien genutzt oder alternative Anlagen stärker berücksichtigt werden sollten. Besonders spannend ist jedoch die dritte Generation. Diese Investoren interessieren sich nicht nur für Renditen, sondern zunehmend auch für die Wirkung ihrer Investments. Sie fragen, welchen Einfluss ihr Kapital auf Gesellschaft, Wirtschaft oder Umwelt hat. Viele junge Vermögensinhaber sind global vernetzt, haben international studiert oder gearbeitet und bringen dadurch andere Perspektiven in die Vermögensverwaltung ein.

Sind junge Investoren tatsächlich interessiert an Nachhaltigkeit?

Pauschale Aussagen sind schwierig. Nicht jeder junge Investor denkt gleich. Insgesamt beobachten wir jedoch, dass die nächste Generation stärker hinterfragt, wohin Kapital fliesst und welchen Zweck Investments erfüllen. Neben Renditen interessieren sich viele junge Anleger für Themen wie Innovation, gesellschaftliche Wirkung und langfristige Wertschöpfung. Deshalb wird finanzielle Bildung immer wichtiger. Je früher Familien ihre Nachkommen in Vermögensfragen einbeziehen, desto besser können diese später fundierte Entscheidungen treffen.

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