Der Preis für Brent-Öl springt um über 25 Prozent auf knapp 120 Dollar pro Barrel. Bereits letzte Woche betrug das Plus 28 Prozent. Das ist historisch: Was sich an den Märkten abspielt, ist der stärkste Tagesanstieg seit mehreren Jahrzehnten – mindestens seit 1988. Der Ölpreis klettert damit auf ein Niveau, das bisher nur selten erreicht wurde: Nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine im März 2022 kostete ein Fass zeitweise 139 Dollar. Der historische Höchststand wurde 2008 mit mehr als 147 Dollar erreicht.
Die Reaktion an den Aktienbörsen war entsprechend heftig. In Japan, einem grossen Importeur von Öl und Gas, stürzte der Nikkei-Index um 7,5 Prozent ab, nachdem er bereits in der vergangenen Woche 5,5 Prozent verloren hatte. In Südkorea setzte es ein Tagesminus von 8,1 Prozent ab, nachdem der Leitindex letzte Woche bereits mehr als 10 Prozent verloren hatte. Ebenfalls ein bedeutender Ölimporteur ist China: Der chinesische Blue-Chip-Index gab um 2,3 Prozent nach.
Die Verkaufswelle an den Märkten dürfte auch auf andere Märkte übergreifen. An der Wall Street verloren die Futures auf den S&P 500 2,1 Prozent. Die Nasdaq-Futures gaben um 2,5 Prozent nach. Auch in Europa gerieten die Terminkontrakte unter Druck: Die Futures auf den SMI gaben 1,7 Prozent nach, jene auf den Euro Stoxx 50 und den DAX je 3,2 Prozent. «Heute wird es krachen», schreibt ein Portfoliomanager in einer WhatsApp-Nachricht am frühen Morgen.
Alles wird teurer
Ein Freitag warnte der katarische Energieminister, dass ein Stopp der Exporte von Öl und Gas aus der Golfregion «die Weltwirtschaft zum Erliegen bringen könnte». Er prognostiziert, dass alle Energieexporteure am Golf innerhalb weniger Tage die Produktion einstellen und den Ölpreis damit auf 150 Dollar pro Barrel treiben. Der Nahe Osten ist und bleibt nun mal eine der wichtigsten Zapfsäulen der globalen Ölversorgung.
Ein steigender Ölpreis verteuert nicht nur Benzin oder Heizöl. Die Auswirkungen reichen weit darüber hinaus: Transporte werden teurer, ebenso industrielle Vorprodukte, die direkt oder indirekt auf Erdöl basieren – von Kunststoffen über Chemikalien bis hin zu Aluminium oder Stahl. Auch der Flug- und Strassenverkehr spürt die höheren Energiekosten unmittelbar.
Damit wächst der Inflationsdruck. In den vergangenen vier Jahren wurde die Teuerung durch fallende Rohstoffpreise gedämpft. Nun scheint sich das Blatt zu wenden. Die Europäische Zentralbank warnt bereits vor einem «erheblichen Anstieg» der Inflation, sollten der Krieg länger andauern und die Energielieferungen ins Stocken geraten.
«Cash is trash» bei hoher Inflation
Steigende Inflationsraten treffen alle. Zuerst die Konsumenten, die für ihren täglichen Einkauf mehr bezahlen müssen. Aber auch viele Anleger könnten verlieren. Wer aus Angst vor einer Eskalation des Konflikts seine Aktien verkauft und vollständig in Cash flüchtet, läuft ebenfalls Gefahr, real an Kaufkraft einzubüssen: Inflation frisst den Wert von Geldvermögen schleichend auf. In Zeiten hoher Inflation heisst es nicht umsonst: «Cash is trash.»

