Digital Assets Briefing
Die Abwärtsspirale der Kryptowährung hat sich zuletzt beschleunigt. Wo führt das hin, was sind die Gründe und was sagen die Experten?
6. Februar 2026 • Werner Grundlehner

Der Bitcoin hat die Trump-Präsidentschaft ausradiert. Oder anders gesagt: Die Kryptowährung ist am Donnerstag deutlich unter 65'000 Dollar gefallen und notiert wieder auf dem Stand von November 2024 – vor den Wahlen in den Vereinigten Staaten. Seit dem Höchst im Oktober des vergangenen Jahres ist rund die Hälfte des Wertes weg. Ausgelöscht sind damit der Effekt des «kryptofreundlichen Präsidenten», was unter anderem die Auswechslung des krypto-skeptischen Chefs der US-Börsenaufsicht SEC sowie die Lancierung zahlreicher neuer Gesetze wie des Genius und des Clarity Acts umfasste.

Ein weiterer Faktor, der die Kryptoanleger beunruhigt: Mit dem grossen Minus von dieser Woche nähert sich der Bitcoin dem aggregated realized Price an, der sich auf 56’000 Dollar beläuft. Das ist der durchschnittliche Preis, zu dem die in Umlauf befindlichen Bitcoins erworben wurden. Da ein grosser Teil des Bestandes sich seit vielen Jahren auf Wallets von Walen befindet, die die Coins zu deutlich tieferen Kosten aggregierten, muss man davon ausgehen, dass sehr viele Bitcoin-Investoren auf Buchverlusten sitzen.

Margin Calls für Strategy?

Eine weitere beunruhigende Zahl: Der durchschnittliche Einstiegspreis des Bitcoin-Treasury-Unternehmens Strategy (ehemals Softwaregesellschaft MicroStrategy) liegt aktuell bei 76'000 Dollar und damit deutlich über dem Marktpreis. Dies ist für das Unternehmen insofern ein Problem, weil ein grosser Teil der 713'000 Bitcoin, die Strategy hält, mit Fremdkapital gekauft wurde. «Es kommt bei diesem Unternehmen, aber nicht unmittelbar zu sogenannten Margins Calls. Der Preis allein verursacht noch keine Liquidation, weil Strategy auf verschiedene Finanzierungsformen setzt, wie Wandelanleihen und Unternehmenskredite», sagt Adrian Fritz, Chefstratege des Krypto-Dienstleisters 21Shares. Für andere jüngere und kleinere Treasury-Unternehmen ist Fritz weniger optimistisch gestimmt.

Verstärkt wird der Kurseinbruch durch die jüngsten Signale aus dem US-Finanzministerium, wonach keine staatlichen Ankäufe für Kryptowährungen zu erwarten sind. Erschwerend wirkt zudem die Nominierung von Kevin Warsh zum potenziellen neuen Chef der US-Notenbank. Obwohl Warsh in der Vergangenheit Zinssenkungen befürwortet hat, gilt er in Marktkreisen als geldpolitischer Falke. Die Aussicht auf künftige Anhebungen des Leitzinses setzt spekulative Assets unter Druck.

Clarity Act verzögert sich

Auf der regulatorischen Ebene fehlen gemäss James Butterfill, Head of Research von CoinShares, kurzfristig Impulse, mittel- bis langfristig zeichne sich jedoch eine strukturell bedeutende Entwicklung ab. Im Mittelpunkt steht der Clarity Act, der bislang ernsthafteste Versuch, einen kohärenten Ordnungsrahmen für die Marktstruktur digitaler Vermögenswerte in den USA zu schaffen. Das Gesetz soll langjährige Unsicherheiten klären: welche Aufsichtsbehörde für welche Marktsegmente zuständig ist, welche Anforderungen für Handelsplattformen gelten und welche Offenlegungspflichten bei der Emission oder dem Handel von Token greifen.

«Zwar hat der Clarity Act das Repräsentantenhaus Mitte 2025 passiert, im Senat stockt der Fortschritt jedoch. Der Gesetzentwurf wurde inhaltlich deutlich ausgeweitet und umfasst inzwischen auch umstrittene Themen wie Renditen auf Stablecoins, die Tokenisierung traditioneller Vermögenswerte und die regulatorische Behandlung dezentraler Finanzanwendungen», so Butterfill. Diese konkurrierenden Interessen hätten zuletzt zu Verzögerungen im Gesetzgebungsprozess geführt.

Bären fühlen sich bestätigt

Die Kursschwäche bestärkt die Bitcoin-Bären, die schon immer pessimistisch waren und teilweise von einem Schneeballsystem warnten. In einem Substack-Beitrag argumentierte Hedge-Fund-Manager Michael Burry, dass der Bitcoin, der seit dem Höchststand im Oktober weit über 40 Prozent eingebüsst hat, sich als rein spekulative Anlage entpuppt habe. Als Absicherung gegen Wertverluste habe die Kryptowährung – im Gegensatz zu Edelmetallen – versagt. Burry erreichte Berühmtheit, weil der den Zusammenbruch des US-Immobilienmarktes 2007 voraussah.

Weil auch die Argumente zur Begründung des rasanten Kursanstiegs in den vergangenen Jahren oft eher «luftig» waren, fällt es jetzt auch schwer, Faktoren und Argumente anzuführen, die für eine baldiges Ende des Kryptoeinbruchs sprechen. Da Bitcoin zudem in den vergangenen Monaten starke Verbindungen in die traditionelle Finanzwelt aufgebaut hat, sind On-Chain-Kennzahlen aus der «Kryptowelt» wie Hashrate, Anzahl Nodes, aktive Wallets und Transaktionsvolumen weniger relevant als die Einschätzung der Finanzmärkt durch die traditionellen Investoren und ihre dabei verwendeten Kennzahlen. Der Markt ist allgemein im Risk-off-Modus und rechnet nun mit weniger schnell fallenden Zinsen, vielleicht sogar mit bald anziehenden Sätzen. Riskante Wachstumsanlagen wie KI- und Tech-Aktien – sowie Bitcoin sind da weniger gefragt.

Während der Bitcoin schon vor einiger Zeit den gleitenden 50-Tage-Durchschnitt von knapp 90'000 nach unten durchbrochen hat, gilt jetzt der moving average für 200 Tage, der auf 58'000 Dollar liegt, als psychologische Grenze. Aber nicht der Tiefpunkt ist entscheidend, sondern ob die Gründe für den Preisverfall bereits eingepreist sind. Was sagen Fachleute zur unmittelbaren Zukunft des Bitcoins?

Von der Liquidität entkoppelt

«Seit dem 10. Oktober hat sich der Bitcoin von den Aktienmärkten sowohl in Industrie- als auch in Schwellenländern sowie von der globalen Liquiditätsentwicklung entkoppelt», sagt Domninic Weibel, Head of Research bei Bitcoin Suisse. Das Liquidationsereignis habe als Regime-Katalysator gewirkt und latenten Sorgen neuen Auftrieb verschafft – insbesondere dem Quantenrisiko, der grössten langfristigen Verwundbarkeit von Bitcoin, sowie dem zunehmend selbstverstärkenden Narrativ des Vierjahreszyklus, das in der aktuellen Phase weitgehend psychologischer Natur sei, da der marginale Effekt des Halvings weiter abnehme.

Ab dem späten zweiten Quartal begann der Bitcoin gemäss Weibel zudem, sich von der globalen Geldmenge M2 zu lösen, und sei damit der einzige grosse Vermögenswert gewesen, der Wertverluste verzeichnete, während die Zentralbankliquidität ausgeweitet wurde. «Während Aktien und Gold zusätzliche Liquidität absorbierten, preiste Bitcoin stattdessen restriktivere Finanzierungsbedingungen, Bilanzstress bei Treasury-Unternehmen sowie einen institutionellen Hangover ein».

Über die von Bitcoin Suisse beobachteten Kernindikatoren hinweg hätten sich die Bedingungen weiter verschlechtert. Das Angebot an Stablecoins ging zurück, die Zuflüsse in US-Spot-ETFs drehten klar ins Negative, und die Bitcoin-Bestände auf Börsen nahmen zu. «Zusammengenommen deutet dies eher auf Distribution als auf Akkumulation hin und spricht für eine länger anhaltende Korrekturphase statt für eine kurzfristige Trendwende», sagt Weibel.

Miner kapitulieren und machen AI

Auf der Angebotsseite beschleunigte sich die Kapitulation der Miner. Die Hashrate fiel um rund 25 Prozent, der stärkste Rückgang seit 2021, da Miner angesichts steigender Stromkosten verstärkt in AI-Infrastruktur umschwenken. In der Folge sind die Produktions- und Stromkostenuntergrenzen auf etwa 69’000 beziehungsweise 55’000 Dollar gesunken. «Dadurch verringert sich die strukturelle Unterstützung, während sich die plausible Abwärtsbandbreite ausweitet», so der Bitcoin-Suisse-Experte.

Derzeit dominiert gemäss Weibel Gold weiterhin den Debasement-Trade, und der AI-Sektor fungiere als strukturelles «Auffangbecken» für überschüssige Liquidität. «Dennoch fehlen trotz möglicher weiterer Abwärtsbewegungen zentrale Merkmale eines klassischen Krypto-Bärenmarkts – etwa eine zyklische Retail-Manie am Hochpunkt, ein systemischer Leverage-Abbau oder ein durch Quantitative Tightening ausgelöster Liquiditätsschock», fügt er an. Das makroökonomische Umfeld bleibe grundsätzlich unterstützend, da mit einer Lockerung der Finanzierungsbedingungen gerechnet werde, während sich die Dynamik im Rohstoffbereich abschwäche – was potenzielle Umschichtungen in digitale Assets begünstigen könnte. Katalysatoren für eine Trendwende könnten für Weibel eine schneller als erwartete Verabschiedung des Clarity Act oder substanzielle Fortschritte bei der Quantenthematik sein.

Erstaunlich für viele Anleger war, wie sich Bitcoin, als digitales Gold, und reales Gold schnell wieder entkoppelten, nachdem sie in den vergangenen Tagen zusammen einen starken Kurseinbruch erlebten. «Gold und Bitcoin haben eine tiefe Korrelation, obwohl sie ein ähnliches Wertversprechen verkörpern, aber ganz andere Fundamentals aufweisen», sagt Eliézer Ndinga, Chef Research bei 21 Shares.

Hybrider Charakter verzögert

«In Phasen akuter geopolitischer Unsicherheit tritt der hybride Charakter von Bitcoin zutage. Als Anlage, die sowohl Risiko- als auch Absicherungseigenschaften vereint, profitiert Bitcoin nicht immer unmittelbar von Krisenszenarien», sagt Butterfill. Steigende Energiepreise und geopolitische Eskalationen begünstigten kurzfristig etablierte sichere Häfen wie Gold. Historisch sei der Bitcoin jedoch häufig mit zeitlicher Verzögerung gefolgt – insbesondere dann, wenn die geld- und fiskalpolitischen Konsequenzen geopolitischer Konflikte deutlicher sichtbar wurden.

Die Experten von 21Shares sind überzeugt, dass im laufenden Jahr eine Phase des Fundamental Investing beginnt – eine Zeit, in der Bitcoin-Investments von Unternehmen und institutionellen Investoren stark zunehme. Zudem spreche die technologische Integration der Blockchain in Finanzdienstleistungen und die Tokenisierung von traditionellen Assets für den Sektor. Sie nennen das «Blockchain Readiness», was bedeutet, dass die Technologie nun schneller und günstiger als andere Zahlungssysteme sei. Mit MiCA, Genius und Clarity Act erhöhe sich die regulatorische Sicherheit im gesamten Sektor. 21Shares vergleicht Krypto im Jahr 2026 punkto Wachstumspotenzial mit dem Internet 2003. Zu diesem Zeitpunkt hätten beide Technologien rund 700 Millionen Nutzer aufgewiesen.

Insgesamt spreche viel für ein volatiles, seitwärts tendierendes Marktumfeld in den kommenden Monaten, schreibt Butterfill. «Die erste Hälfte des Jahres 2026 dürfte für Bitcoin anspruchsvoll bleiben, grössere Kurssprünge erscheinen kurzfristig unwahrscheinlich», fügt er an. Der mittelfristige Ausblick bleibe jedoch konstruktiv. Die monetären Rahmenbedingungen seien weiterhin unterstützend, strukturell hohe Schuldenstände würden fortbestehen, der zyklische Verkaufsdruck dürfte im Jahresverlauf nachlassen, und historische Liquiditätsbeziehungen deuteten auf erhebliches Aufholpotenzial hin. «Aus dieser Perspektive erscheint Bitcoin derzeit weniger als kurzfristiger Momentum-Trade, sondern vielmehr als strategische Positionierung für Anleger mit längerem Anlagehorizont», glaubt der CoinShares-Stratege.

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