Was genau ein «nachhaltiges» Anlageprodukt ist, darüber gehen die Meinungen auseinander – erst recht, seit die grossen Player der Finanzindustrie dieses Thema vor ein paar Jahren für sich entdeckt haben. Für zusätzliche Verwirrung sorgt nun der Entscheid der UBS, die Hersteller konventioneller Waffen von der Ausschlussliste ihrer Fonds mit Sustainability-Label zu streichen. Künftig können Portfoliomanager der Grossbank Aktien von Panzerproduzenten, Lenkwaffen- und Handgranatenherstellern in ihre Nachhaltigkeitsprodukte aufnehmen.
«Der Entscheid der UBS hat buchstäblich wie eine Bombe eingeschlagen», sagt ein Vertreter eines Asset-Managers. Mit verwalteten Vermögen von 1,8 Billionen Dollar ist die UBS der mit Abstand grösste Akteur der Asset-Management-Industrie in der Schweiz. Ein Richtungsentscheid wie dieser sorgt daher für intensive Diskussionen – auch an der Finanzmesse Finanz’25, die am Mittwoch begann.
Auf einem Podium nahm Iwan Deplazes, Präsident der AMAS und Chef von Swisscanto, Stellung zum Entscheid der UBS. Sein Unternehmen wird übrigens diesen Schritt nicht mitgehen und weiterhin Kriegsmaterialhersteller aus Nachhaltigkeitsfonds ausschliessen. Scharfe Kritik kommt von der Anlagestiftung Ethos: «Wir erachten die Lockerung der Investitionsausschlusskriterien der UBS im aktuellen geopolitischen Kontext als besorgniserregend», schreibt Sprecher Vinzenz Mathys auf Anfrage. Für verschiedene Stakeholder und Ethos als langfristig und nachhaltig orientierte Aktionärin sende die UBS damit ein «falsches Signal» aus.
Die UBS begründet ihren umstrittenen Entscheid auf Anfrage nicht und verweist lediglich auf ihre geänderte Sustainability Exclusion Policy. «Wahrscheinlich geht es der UBS vor allem darum, in ihren Sustainability-Fonds mit Rüstungsaktien eine bessere Performance zu erzielen», sagt ein Branchenkenner. Damit werde der Nachhaltigkeitsgedanke jedoch ad absurdum geführt. Es zeige zudem, wie heuchlerisch und opportunistisch die Finanzindustrie mit dem Thema Sustainability umgehe. Auch die Vergleichbarkeit mit anderen Nachhaltigkeitsfonds leide darunter.
Aufgeweichte internationale Regeln
Klar ist, dass die Änderung der UBS auf die Aufhebung des Waffenausschlusses durch den deutschen BVI (Bundesverband Investment und Asset Management) im Dezember 2024 folgt. Zudem stellte die britische Financial Conduct Authority (FCA) im März fest, dass «ihre Vorschriften, einschliesslich derjenigen zur Nachhaltigkeit, Investitionen in oder Finanzierungen für Rüstungsunternehmen nicht verbieten».
Die EU-Behörde ESMA hat im Mai 2024 Leitlinien für nachhaltigkeitsbezogene Zusätze in Fondsnamen veröffentlicht, die erstmalig EU-weite Mindeststandards definieren. Demnach sind lediglich völkerrechtlich geächtete Waffen, wie zum Beispiel Streubomben, chemische und biologische Waffen, in als nachhaltig bezeichneten Fonds verboten.
Auch in der Schweiz können Rüstungsaktien Teil eines nachhaltigen Fonds sein – zumindest sind sie nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Der Branchenverband Asset Management Association Switzerland führt keine verpflichtenden Ausschlusslisten, sagt Sprecher Peter Hody. Der Nachhaltigkeitsansatz setze vielmehr auf Engagement und Stewardship.
Was ist der nachhaltige Effekt von Bomben?
Allerdings müssen Fondsgesellschaften ihren Kunden die Nachhaltigkeitsaspekte eines Produkts erklären können. Wenn die UBS nun also den deutschen Waffenkonzern Rheinmetall in einen Sustainability-Fonds aufnimmt, dann müssen Kundenberater eine schlüssige Erklärung liefern, warum genau Kampfpanzer oder schwere Artilleriegeschosse, die Menschen töten und verstümmeln und ganze Dörfer oder Städte zerstören können, einen nachhaltigen Effekt haben sollen.
Magdalena Kuper, Leiterin Nachhaltigkeit beim deutschen Fondsverband BVI, liefert keine inhaltliche Begründung für den Entscheid, sondern ordnet ihn lediglich in den gesellschaftlichen Kontext ein: «Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine gibt es eine breite gesellschaftliche Debatte über den Ausbau der Rüstungsindustrie zur Verteidigung unserer demokratischen Grundordnung. Mit dem Ausschluss der Rüstungsfinanzierung im ESG-Zielmarktkonzept haben wir diese Debatte bislang unterbunden. Nun wollen wir sie Fondsmanagern und Anlegern ermöglichen», erklärt sie in einem Interview.
Nicht «Best Pactice»
Der BVI überlässt es also den einzelnen Fondsgesellschaften, wie sie mit dem Thema umgehen. Dies werde ein «sensibler Prozess» sein, sagt Kuper. Laut der Sustainability-Expertin haben sich einige Fondsanbieter bereits positioniert und wollen auch künftig keine Rüstungsinvestitionen in Fonds zulassen, die sie als nachhaltig vertreiben. Andere würden ihre Strategien überprüfen.
Auch für Ethos ist klar, dass Unternehmen, die sich an den «Best Practices» in den Bereichen Umwelt, Soziales und Governance orientieren, langfristig bessere Überlebenschancen haben. Die Stiftung hat bereits angekündigt, dass sie den Nachhaltigkeitsbericht der UBS an der kommenden Generalversammlung ablehnen wird. Zudem will sie das Thema im Rahmen des Unternehmensdialogs mit der Bank aufgreifen.