In den nächsten 25 Jahren werden voraussichtlich rund USD 124 Billionen die Besitzerin bzw. den Besitzer wechseln - Frauen werden etwa 70 % davon erben. In Verbindung mit dem weltweit steigenden Bildungsniveau der Frauen, verstärkten Bemühungen um Diversität und Inklusion sowie anhaltenden Fortschritten bei der Schliessung des «Gender Pay Gap» signalisiert dieser Wandel einen bemerkenswerten Anstieg des globalen Vermögens in den Händen von Frauen.
Dieser Wandel, häufig als «grosser Vermögenstransfer» bezeichnet, wird oft als Meilenstein auf dem Weg zur Gleichstellung der Geschlechter gefeiert. Für Vermögensverwalter wie die LGT stellt sich die Lage aber differenzierter dar. Tatsächlich ist die Finanzbranche vor allem auf die Gewohnheiten männlicher Anleger ausgerichtet.
Angesichts der Tatsache, dass Frauen immer mehr Vermögen erben werden, stellt sich die Frage, ob die Vermögensverwaltungsbranche in der Lage ist, die Bedürfnisse, Erwartungen und Ambitionen dieser neuen Generation vermögender Frauen zu erfüllen.
Unterschiede im Vorgehen
Historisch wurden Vermögen und die Branchen, die es verwalten, von Männern dominiert, was die Industrie bis heute prägt. Frauen treten jedoch nicht einfach in die Fussstapfen ihrer Vorgänger. Auch wenn wir hier nicht verallgemeinern wollen, zeigt sich zunehmend, dass Frauen und Männer tendenziell unterschiedliche Herangehensweisen an Vermögen, Investitionen und Philanthropie haben. Das Women's Philanthropy Institute hat herausgefunden, dass es wesentliche Unterschiede in der Art und Weise gibt, wie Frauen ihr Vermögen spenden.
- Alleinstehende Frauen engagieren sich eher für wohltätige Zwecke als alleinstehende Männer. Verheiratete Frauen motivieren häufig ihre Ehemänner zu philanthropischen Aktivitäten.
- Frauen unterstützen meist ein breiteres Spektrum von Projekten, während Männer dazu neigen, grössere Beträge in ausgewählte Institutionen zu geben.
- Die von Frauen geprägte Philanthropie ist oft eng mit eigenen Erfahrungen verbunden oder auf gesellschaftlichen Wandel ausgerichtet.
Die LGT Studie Wealth for Impact zeigt, dass vermögende Frauen auch heute oft Sexismus im Kontext ihrer Vermögensverwaltung und Beratung erleben. Das reicht von subtilen Vorurteilen über Bevormundung bis hin zur völligen Ausgrenzung.
Zudem stammt ein Grossteil des Vermögens, das derzeit in Frauenhand gelangt, nach wie vor aus Erbschaften und nicht aus eigenem Erwerb. Dies führt dazu, dass sich viele vermögende Frauen eher verpflichtet fühlen, ihr Vermögen für künftige Generationen zu erhalten, als es für wirkungsorientiere – aber oft riskantere – Investitionen einzusetzen.
Wechselnde Hände, wechselnde Gewohnheiten
Trotz dieser Hürden spielen Frauen bereits heute eine aktive Rolle in der Zukunft von Vermögen und Philanthropie. In vielen Regionen, besonders in Nordamerika, belegen Studien, dass Frauen in vermögenden Haushalten bereits heute primäre oder gemeinsame finanzielle Entscheidungsträgerinnen sind und etwa 85 % der philanthropischen Entscheidungen ihrer Familien beeinflussen oder selbst treffen.
Zusammenarbeit und langfristiges Engagement spielen in den philanthropischen Strategien vieler Frauen eine zentrale Rolle. Eine Teilnehmerin der genannten LGT Studie betonte etwa, wie wichtig philanthropische Netzwerke seien, da sie Frauen miteinander vernetzen und den Austausch untereinander fördern. So werden sie ermutigt, sich stärker in die Verwaltung ihres Vermögens einzubringen und durch ihr Vorbild Einfluss zu nehmen.
Durch diese Kooperation kann Frauenvermögen oft über längere Zeit besonders wirksam eingesetzt werden. Ein Beispiel sind Initiativen zum Schutz gefährdeter Arten wie des Spitzmaulnashorns: Während direkte Massnahmen wie die Einrichtung von Schutzgebieten zwar sofortige Wirkung zeigen, bekämpfen sie meist nur Symptome. Nachhaltigere, wenn auch weniger schnell greifbare Philanthropie zielt auf Systemveränderungen ab – etwa durch Investitionen in Bildung, Förderung neuer Verhaltensweisen oder die Unterstützung lokaler Wirtschaftsentwicklung zur Bekämpfung der Ursachen des Problems.
Das Problem lösen
Damit die Finanzbranche diesen Wandel nicht nur bewältigen, sondern aktiv nutzen kann, muss Vermögensverwaltung mehr leisten als symbolische Gesten. Systeme, die einst für Männer konzipiert wurden, dürfen nicht der Standard für Anlegerinnen bleiben. Wenn Frauen anders investieren und spenden, gilt es, Management und Beratung gezielt auf ihre Bedürfnisse auszurichten.
Denn Frauen treten nicht einfach in die Welt der Investments ein – sie prägen sie neu. Sie stellen anspruchsvollere Fragen zur Nachhaltigkeit, fordern mehr Transparenz und erweitern die Risiko-Definition um Aspekte wie Klima, soziale Ungleichheit oder langfristige Unternehmensführung. Die wachsende Bedeutung wohlhabender Frauen eröffnet der Private-Banking-Branche die einmalige Chance, Führungsrolle und Inklusionsversprechen zu erneuern – vorausgesetzt, wir gehen über blosses Anerkennen des Trends hinaus und gestalten aktiv die entsprechenden Rahmenbedingungen.
Die Zukunft des Vermögens mag weiblich sein – vor allem sollte sie aber auch fair, informiert und zielgerichtet sein.
*Silvia Bastante de Unverhau ist Leiterin der Philanthropieberatung bei LGT Private Banking, wo sie vermögende Privatpersonen und Familien bei ihren philanthropischen Engagements berät. Sie verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung bei der Entwicklung von Philanthropiestrategien und Programmen und lehrt Philanthropie an der Universität Genf.

