Philipp Lisibach im Interview
Philipp Lisibach, CIO Europe von der LGT Bank Schweiz, spricht im Interview darüber, warum die Höchststände an den Aktienmärkten und die globalen Krisen kein Widerspruch sein müssen – und warum die Infrastrukturstory rund um den KI-Boom womöglich länger anhält, als viele meinen.
15. Mai 2026 • Beat Schmid

Die Börsen stehen wieder nahe an Rekordständen. Gleichzeitig ist die geopolitische Unsicherheit hoch. Wie passt das zusammen?

Philipp Lisibach: Unsicherheit begleitet die Finanzmärkte eigentlich permanent. Ich bin Ende der 1990er-Jahre in die Industrie gekommen. Seither hatten wir LTCM, die Russlandkrise, 9/11, Rezession, Finanzkrise, Pandemie und vieles mehr. Man hat fast immer das Gefühl, die Unsicherheit sei gerade besonders hoch. Trotzdem stimmt die Beobachtung: Wir haben viel Unsicherheit und gleichzeitig hohe Aktienstände. Der entscheidende Punkt ist aber, dass die zugrunde liegende Wirtschaft zuletzt robuster war, als viele erwartet hatten. Die Unternehmen sind in guter Verfassung, die Konsumenten sind nicht überschuldet, die Arbeitsmärkte sind noch solide, und die Reallöhne steigen vielerorts wieder. Auch die Gewinnentwicklung der Unternehmen ist stark. Der Markt scheint viele Risiken als vorübergehend einzuschätzen. Solange der Eindruck besteht, dass geopolitische Spannungen oder Handelskonflikte keinen dauerhaften Schaden anrichten, können die Börsen damit umgehen.

Spielt dabei auch der sogenannte Fed-Put eine Rolle – also die Erwartung, dass die US-Notenbank im Ernstfall eingreift?

Seit der Finanzkrise war das sicher ein wichtiges Playbook vieler Anleger. Wenn die Märkte stark fallen, kommt irgendwann die Notenbank und stabilisiert. Ich wäre aber vorsichtig, das einfach fortzuschreiben. Die Fed hat ein Mandat: Arbeitslosigkeit und Inflation. Daran muss sie sich orientieren. Zudem gibt es innerhalb der Notenbank unterschiedliche Ansichten, etwa zur Bilanzpolitik. In der Vergangenheit war die Bilanz ein wichtiges Instrument, um Liquidität bereitzustellen. Ob das künftig gleich funktioniert, ist nicht sicher. Aber psychologisch ist der Gedanke weiterhin da. Viele Anleger glauben, es gebe irgendwo einen Boden. Ich vermute allerdings, dass dieser Reflex irgendwann schwächer werden könnte.

An den Aktienmärkte ist KI das dominierende Thema. Erkennen Sie Parallelen zu früheren Technologieblasen?

Es gibt sicher Parallelen, aber auch grosse Unterschiede. Spannend finde ich den Vergleich mit früheren Infrastrukturzyklen, etwa dem Ausbau der Eisenbahn. Auch damals wurden enorme Summen investiert, und nicht alle Geschäftsmodelle haben überlebt. Aber die Infrastruktur selbst wurde gebraucht. Heute sehen wir etwas Ähnliches bei Rechenzentren, Strom, Kühlung und Dateninfrastruktur. Die Nachfrage nach Rechenleistung steigt massiv. Das hängt nicht nur mit Large Language Models (LLMs) zusammen, sondern auch mit autonomem Fahren, industrieller Digitalisierung und vielen weiteren Anwendungen. Wir müssen aber auch kritisch bleiben. Ich habe zwar nicht den Eindruck, dass diese Investitionen grundsätzlich übertrieben sind. Die Kapazitäten werden wahrscheinlich gebraucht. Die Frage ist eher, welche Geschäftsmodelle darauf am Ende wirklich Geld verdienen.

Und wie beurteilen Sie die Risiken im Private-Credit-Markt?

Private Credit zu beurteilen, ist für nicht-Experten schwer, da die meisten Anlagen nicht börsennotiert sind und Informationen daher schwierig zu beschaffen sind. Deshalb muss man dort vorsichtig sein. Ich würde nie sagen: Das ist kein Problem. Aber aus dem, was wir sehen, wirkt es nicht so, als ob bereits ein systemisches Problem offensichtlich wäre. Es gab Markdowns, ja. Aber nicht in einer Grössenordnung, die unmittelbar auf eine Krise hindeutet.

Hat Sie der KI-Boom in dieser Geschwindigkeit überrascht?

Der Hockey-Stick war steiler, als wir noch vor zwei oder drei Jahren erwartet hätten. Künstliche Intelligenz war bei uns schon länger ein Thema, auch in unserem thematischen Framework. Aber die Geschwindigkeit der Entwicklung, insbesondere bei den LLMs, war beeindruckend. Interessant ist auch, wie sehr KI zu einem Infrastrukturthema geworden ist. Themen, die lange als langweilig galten, werden plötzlich zentral. Dazu kommt die geopolitische Dimension. Die USA und China verstehen beide, dass künstliche Intelligenz strategisch entscheidend ist. Wer KI im grossen Stil entwickeln will, braucht Rechenleistung, Energie und technologische Kontrolle. Das ist nicht nur ein wirtschaftliches Thema, sondern auch ein Machtfaktor.

Profitieren davon auch Schweizer Firmen?

Ja, absolut. Es gibt Schweizer und europäische Unternehmen, die in bestimmten Nischen global sehr stark sind. VAT ist ein gutes Beispiel. Solche Firmen verfügen über technologisches Know-how, das nicht beliebig replizierbar ist. In gewissen Bereichen gibt es weltweit nur sehr wenige Anbieter. Solange der Ausbau der Infrastruktur anhält, werden diese Unternehmen über Jahre profitieren. Natürlich wird irgendwann der Punkt kommen, an dem man genauer unterscheiden muss: Welche Firmen profitieren strukturell, und welche wurden nur vom Hype mitgezogen? Aber die Infrastrukturstory ist aus meiner Sicht breiter und langlebiger, als viele glauben.

Mit den Handelskonflikten und den Grönland-Drohungen haben sich Investoren teilweise vom Dollar abgewandt oder dies zumindest angekündigt. Was ist daraus geworden?

Das Thema hat zwei Ebenen. Einerseits gibt es Anleger, die aus verschiedenen Gründen weniger US- und Dollar-Exposure wollen. Andererseits gibt es die strategische Frage, ob Europa unabhängiger werden muss.

Ihre Meinung?

Ich glaube, Europa hat in mehreren Bereichen Nachholbedarf: Energieversorgung, Verteidigung, Technologie und Kapitalmarkt. Die Welt bewegt sich stärker in Richtung Autonomie. Die USA und China tun das bereits. Europa wird nicht darum herumkommen, eigene Abhängigkeiten zu reduzieren. Das bedeutet nicht, dass die Globalisierung verschwindet. Für ein Land wie die Schweiz bleibt sie absolut zentral. Die Schweiz kann gar nicht autonom sein. Aber grosse Blöcke wie die Eurozone müssen sich strategischer aufstellen. Abhängigkeit macht verletzlich – das haben Pandemie, Lieferkettenprobleme und Handelskonflikte gezeigt.

Wo sehen Sie heute Chancen, die vom Markt noch nicht vollständig erkannt werden?

Ich glaube weiterhin, dass wir beim Thema Digitalisierung erst am Anfang eines neuen Innovationsschubs stehen. Künstliche Intelligenz, später vielleicht auch Quantum Computing, werden sehr viel verändern. Aktuell sind wir stark in der Infrastrukturphase. Die nächste Stufe wird dann die Dienstleistungsebene sein: Welche Anwendungen entstehen auf dieser Infrastruktur, und welche Firmen können daraus nachhaltig Umsätze und Gewinne generieren? Bei einigen grossen Technologieunternehmen kann man bereits sehen, dass die Monetarisierung funktioniert. Aber der breitere Produktivitätsbeweis für die Gesamtwirtschaft steht noch aus. Es gibt Anzeichen, aber das ist kein Thema von zwölf oder 24 Monaten.

Wie positioniert sich die LGT in dieser Gemengelage?

Man muss zwischen strategischer und taktischer Positionierung unterscheiden. Strategisch geht es darum zu erkennen, dass sich die Welt strukturell verändert. Die tektonischen Platten bewegen sich – geopolitisch, technologisch und wirtschaftlich. Solche Verschiebungen passieren nicht alle paar Jahre, sondern eher alle paar Jahrzehnte. Das sorgt natürlich für grosse Unruhe. Für Anleger bedeutet das: Man darf historische Durchschnittswerte nicht mehr blind als Massstab nehmen. Viele Investoren vergleichen die heutigen Bewertungen, Zinsen oder Währungen mit dem Durchschnitt der letzten zehn Jahre und fragen dann: Ist das jetzt hoch oder tief? Aber wenn sich das Umfeld radikal verändert, sind diese Durchschnitte möglicherweise nicht mehr die richtige Referenz. Man muss deshalb stärker hinterfragen, was künftig überhaupt noch als normal gelten kann. Und man braucht eine Vorstellung davon, wohin sich die Welt bewegt.

Und taktisch?

Im Moment herrscht die positive Meinung vor, dass sich der Krieg abflachen könnte, ohne grossen Schaden für die Wirtschaft. Wir hoffen das, bleiben aber vorsichtig, sodass wir uns direktional nicht zu stark positionieren wollen. Wir haben weiterhin ein Übergewicht im Technologiebereich. Im Anleihensektor sind wir dagegen vorsichtiger. Dort ist das Renditepotenzial aus unserer Sicht begrenzt, nachdem die Spreads wieder nahe an die Tiefststände zurückgekehrt sind.

Wie sehen Sie den Dollar und Gold?

Beim US-Dollar gehen wir tendenziell von einer Abschwächung aus. Die Gründe sind institutionelle Unsicherheiten, die fiskalische Situation, Verschuldung und politische Risiken. Gold bleibt für uns ebenfalls relevant. Es war zuletzt stark vom Momentum getrieben, dann gab es eine Korrektur, die viele Anleger enttäuscht hat. Aber strukturell spricht weiterhin einiges für Gold: Diversifikation, geringere Abhängigkeit vom US-Dollar und Absicherung gegen Unsicherheit. Mich erstaunt es immer wieder, wie tief Gold in vielen Portfolios gewichtet ist – oft nur im Bereich von zwei bis drei Prozent. Wir selbst liegen bei rund fünf Prozent und diskutieren sogar, ob die neutrale Allokation längerfristig höher sein sollte.

Philipp Lisibach

Philipp Lisibach ist Chief Investment Officer (CIO) Europe bei LGT Private Bank. In dieser Funktion verantwortet er den Europe House View von LGT und ist Vorsitzender des LGT Europe Investment Committee. Davor war er als Chief Global Strategist und Head Global Investment Strategy bei Credit Suisse tätig, wo er ebenfalls dem Global Investment Committee als stimmberechtigtes Mitglied angehörte. Von 2007 bis 2016 war Philipp Lisibach in New York tätig, zuletzt als Stellvertreter des regionalen CIO. Nach New York wechselte er im Rahmen seiner Funktion als Head US Equity Research für das Private Banking der Credit Suisse. Vor seiner Zeit bei Credit Suisse arbeitete er sechs Jahre in Zürich für Winterthur Insurance, wo er einen globalen Aktienfonds verantwortete.

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