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Ein Gedankenspiel: Wie würde es mit dem Kryptobereich weitergehen, falls die «Ur-Kryptowährung» scheitert? Wenn es denn überhaupt weitergeht…
5. Juni 2026 • Werner Grundlehner

Dies vorweg: Der Autor glaubt nicht, dass sich der Bitcoin in einer Todesspirale befindet, weil der Kurs aktuell auf deutlich unter 65'000 Dollar gefallen ist – und die Stimmung im Sektor angespannt ist. Zu stabil erscheint das Wertversprechen des fälschungssicheren, zensurresistenten, global dezentral organisierten sowie mengenmässig limitierten Wertspeichers – der in den vergangenen Jahren zudem Eingang in zahlreiche institutionelle Anlageinstrumente gefunden hat.

In dieser Situation ist manch einem Krypto-Anleger aber schon durch den Kopf gegangen: Wie würde der Krypto-Sektor ohne die Ur-Kryptowährung aussehen, die im Januar 2009 lanciert wurde und die Blockchain als Konzept populär machte. Im Laufe der vergangenen fünfzehn Jahre hat sich eine milliardenschwere Industrie entwickelt – mit bekannten Kryptowährungen wie Ethereum, Solana, Ripple, Doge aber auch Stable- und Meme-Coins und einer Vielzahl tokenisierter Assets, die auf der Blockchain gespeichert und gehandelt werden.

Über mehrere Zyklen behauptet

Während sich der Bitcoin zum Wertspeicher, zum digitalen Gold, entwickelte, ist Ethereum die «Betriebssoftware» des Web3 geworden, auf deren Smart Contracts DeFi-Anwendungen, Tokenisierungsprojekte, NFT, Metaverse-Anwendungen und vieles mehr läuft. Obwohl nur die Basisfunktion auf der Blockchain vergleichbar ist, bestimmt der Bitcoin – als weitaus gewichtigste Kryptowährung – seit jeher die Stimmung im Sektor. So gesehen ist es interessant zu überlegen, was geschehen würde, wenn der Bitcoin nicht mehr wäre.

«In der Tendenz würde die Krypto-Welt ohne Bitcoin noch stärker ums Überleben und Relevanz zu kämpfen haben», glaubt Pascal Hügli, Krypto-Experte und Investment-Manager bei Maerki Baumann. Gemäss Hügli sprechen dafür folgende Gründe: Der Bitcoin habe als fast einziges Krypto-Asset bewiesen, dass es über mehrere Zyklen immer wieder im Preis gestiegen ist und die Adoption, auch in Portfolios, fortschreitet. Gerade in Zeiten, die wir jetzt erleben, wo kaum mehr jemand an Krypto glaube – ausser Bitcoin-Hardliner – verdeutlichten die Wichtigkeit von Bitcoin. «Dessen stark religiöser Charakter, gekoppelt mit dem absoluten Knappheitsargument lässt die hartgesottenen Bitcoiner das Vertrauen in dieses Projekt nicht verlieren. Kaum ein anderes Krypto-Asset hat dies vorzuweisen», führt Hügli an.

Der Maerki-Baumann-Manager verweist auf die Rolle des Bitcoins in der Banken- und DeFi-Welt. Er sei das Asset, auf das die meisten Kredite aufgenommen würden. So gibt es beispielsweise über 125'000 Bitcoin in «gewrappter» Form auf Ethereum und der Bitcoin ist nach Ethereum das wichtigste Asset für DeFi-Applikationen. «Das ist kein Beweis, dass DeFi nur mit Bitcoin überleben könnte, aber zeigt die Wichtigkeit von Bitcoin auf», sagt Hügli.

AI würde Bitcoin erfinden

«Wenn Bitcoin oder Ethereum nicht existieren würden, dann würde es von AI geschaffen», sagt Ralf Kubli, Tokenisierungsexperte und Verwaltungsrat bei Validation Cloud. Denn irgendjemand müsse ja den Trustlayer für die Machine-Based-Economy zur Verfügung stellen. «Auch Maschinen sind gewinnmaximierend und wenn sie kein Vertrauen haben in die Gegenpartei – vor allem bezüglich Contract execution und Compliance –, gibt es auch zwischen Maschinen keine ökonomischen Transaktionen». Wenn es den Bitcoin noch nicht gäbe, würde er in den kommenden drei Jahren von AI kreiert, glaubt Kubli.

Der Experte betont, man müsse die Asset-Klasse von der Technologie unterscheiden. Stable Coins, tokenisierte Finanzinstrumente seien eben nicht Krypto. Kubli klassifiziert gemäss dem Balance-Sheet-Approach: Es gebe finanzielle Vermögenswerte (inklusive Cash und Cash Equivalents), Sachanlagen und immaterielle Werte – und sonst nichts. Kryptowährungen würden sich wie Commodities verhalten – nur digital – und seien Teil der finanziellen Vermögenswerte.

«Alles, was wir auf unseren Bilanzen haben, wird tokenisiert werden», prognostiziert Kubli. Token seien kryptographisch abgesicherte Eigentumsrechte, und die würden sich immer auf einen der drei oben genannten Vermögenswerte beziehen. Für die Tokenisierung brauche es die Digital Ledger Technology und diese erfordere Token, um die dezentralisierten Netzwerke abzusichern, führt der Tokensierungsexperte aus: «Es wird also immer Kryptowährungen geben». Die Frage sei einfach, wo und wie wir sie kaufen und verwahren werden. Welcher Wert diesen Kryptowährungen zugestanden werde, hänge vom wirtschaftlichen Wert und den wirtschaftlichen Transaktionen ab, die auf diesen Netzwerken abgewickelt würden.

Art des Verschwindens entscheidend

Ob der Sektor ohne Bitcoin überlebt, hängt gemäss Leon Curti, Head of Research der Digital Asset Solutions AG, vor allem davon ab, wie der Bitcoin verschwinden würde. «Ein abrupter Zusammenbruch wäre etwas grundlegend anderes als eine langsame Ablösung durch eine andere Technologie, was ich für unwahrscheinlich halte», sagt der Finanzexperte. Im ersten Fall verlöre vermutlich die ganze Anlageklasse ihr Vertrauensfundament, im zweiten Fall würde sich der Markt schrittweise umschichten. Denn der Bitcoin sei für den Sektor zwar nicht technologisch unverzichtbar, aber sein gemeinsamer Referenzpunkt: Bei Liquidität, Risiko und Stimmung orientiert sich die ganze Branche daran. «Verschwände dieser Anker, bliebe die Technologie erhalten, die Branche verlöre aber ihre wichtigste Bezugsgrösse», sagt Curti.

Technologisch ist gemäss Digital-Asset-Solutions-Experte der grösste Teil des Ökosystems aber längst nicht mehr von Bitcoin abhängig. «Stablecoins, tokenisierte Realwerte und die grossen Smart-Contract-Plattformen laufen auf eigenen Netzwerken und erfüllen eigene Funktionen». Dieser Teil der Branche würde auch dann weiterexistieren, wenn Bitcoin als Asset wegfiele, fügt er an. Für Anleger in alternativen Coins heisse das zweierlei: Kurzfristig wären sie bei einem Bitcoin-Schock nicht geschützt, weil der Markt über Liquidität und Stimmung eng korreliert und ein Vertrauensbruch zuerst alle träfe. Längerfristig hängt der Wert dieser Projekte aber an ihrer eigenen Nutzung und Adoption und nicht an Bitcoin. «Genau diese beiden Ebenen sollte man im Portfolio sauber auseinanderhalten», sagt Curti.

Unzerstörbare Idee

«Die späteren Anwendungen sind im Kern eine Fortführung von Bitcoins Grundidee», so der Finanzexperte. Als Pionier habe der Bitcoin bewiesen, dass sich ein Netzwerk ohne zentrale Instanz organisieren und ein digitales Gut glaubwürdig knapp halten lässt, und in seiner Geldpolitik gelte es bis heute als das am stärksten dezentralisierte Netzwerk. Das fest begrenzte Angebot und die fehlende zentrale Kontrolle hätten ihm den Ruf «hard money» eingebracht, für den es keinen ebenbürtigen Ersatz gibt. «Dass dezentraler Konsens ohne Mittelsmann funktioniert, hat Bitcoin damit ein für alle Mal bewiesen, und diese Erkenntnis lässt sich nicht zurücknehmen», so Curti. Würde der Pionier dennoch wegfallen, verlöre die Branche nicht die Idee selbst, aber ihren Ursprung und ihre bis heute glaubwürdigste Verkörperung.

Kubli schiebt noch einen grundsätzlichen Gedanken zu einer «Welt ohne Bitcoin» nach: Ohne Bitcoin würde wohl nicht genug Handelsvolumen generiert, um die Kryptobörsen am Leben zu erhalten. Und wenn es keine Kryptobörsen geben würde, wäre weniger Liquidität für Krypto-Assets vorhanden. Auch gemäss Pascal Hügli würden Krypto-Assets von anderen Blockchains ohne Bitcoin ihre Überlebenschancen sinken sehen. Paradoxerweise könnten selbst Stablecoins und Real World Asset schlussendlich betroffen sein, obwohl sie auf anderen Blockchains «laufen» würden.

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