Einst waren sie das «heisseste Ding» in der Branche, jetzt drohen sie zu einer gefährlichen Belastung des angeschlagenen Bitcoins zu werden – die Treasury Unternehmen. Den Ton setzte Strategy (damals noch Microstrategy) und machte auch lange die Musik. Doch diese Woche gab es nicht unerwartet einen Misston, der die Krypto-Anleger aufschreckte: Strategy stoppt die Bitcoin-Akkumulation.
Und in den Short Cuts diese Woche:
• Franklin Templeton gründet Kryptosparte
• Hongkong verpasst Stablecoins-Termin
Seit sechs Jahren kauft Strategy regelmässig Bitcoin – mit Fremd- und Eigenkapital. Dadurch hat sich das einstige Software-Unternehmen zum grössen institutionellen Bitcoin-Halter gemausert. Doch in dieser Woche hat die Gesellschaft zum ersten Mal seit 13 Wochen keine Bitcoins gekauft. Der Bestand auf der Bilanz beläuft sich unverändert auf 762’099 Bitcoin. Das entspricht etwa 3,6 Prozent des gesamten Angebots. Der Gesamtwert der Position beträgt damit momentan 51,8 Milliarden Dollar. Der durchschnittliche Kaufpreis je Bitcoin beläuft sich für das Treasury-Unternehmen auf 75'700 Dollar – mehr als 10 Prozent über dem aktuellen Marktpreis.
Früher Einstieg und Software-Geschäft
Diese Zäsur in der bisherigen Akkumulationsstrategie wird vom Unternehmen nicht kommentiert. Man kann argumentieren, dass es Strategy an den Mitteln fehlt – weil Fremdkapitalgeber angesichts der Marktlage kein Geld mehr einschiessen wollen. Ein grosser Teil der Bitcoin-Käufe finanziert das US-Unternehmen mit Wandelanleihen. Schlimmer wäre es für die Krypto-Anleger, wenn der Bitcoin-Bulle Michael Saylor selbst den Glauben an die Kryptowährung verloren hätte. Dabei steht Strategy solider da als viele Konkurrenten, die später als Nachahmer in den Markt eintraten. Strategy kaufte viele Coins noch günstig ein und verfügt als Sicherheitsanker noch über ein rentables, wenn auch nicht mehr wachsendes Geschäft im Bereich Business-Software.
Ein Konkurrent, der unter die Räder kam und wohl faktisch insolvent ist, ist das Treasury-Unternehmen Nakamoto. Die an der Nasdaq kotierten Aktien von Nakamoto (NAKA) haben seit dem Höchst über 99 Prozent verloren. Das Unternehmen wurde im Mai 2025 von David Bailey gegründet. Mit einem Finanzierungsmix aus Private Investments (PIPE) und Wandelanleihen sammelte die Gesellschaft 710 Millionen Dollar ein. Für den Börsengang nutzte man einen sogenannten Reverse-Merger mit der bestehenden Aktiengesellschaft KindlyMD. Die massiven Kursgewinne im Umfeld des Mergers flossen als Kapital in Bitcoin-Käufe. Doch Nakamoto kaufte aus heutiger Sicht zu teuer. Für 679 Millionen Dollar wurden 5’744 Bitcoin erworben. Damit stieg das Unternehmen zu den grössten institutionellen Bitcoin-Haltern auf, der durchschnittliche Kaufpreis lag aber auf 118’000 Dollar.
Schulden müssen getilgt werden
Mit diesem Einstiegspreis nahe dem Allzeithoch hat Nakamoto enorme Buchverluste angehäuft und das Vertrauen der Investoren nachhaltig zerstört. Im März erfuhren die Investoren aus einem Filing an die Börsenaufsicht SEC, dass das Unternehmen 284 Bitcoin – unter dem Einkaufspreis – verkauft hat und so 20 Millionen Dollar löste. Diese dürften für Zinszahlungen gebraucht worden sein. Nakamoto hat sich 210 Millionen Dollar von der Kryptobörse Kraken geliehen – zu einem Zins von 8 Prozent.
Das Schicksal von Nakamoto ist kein Einzelfall, sondern spiegelt eine breitere Verunsicherung im Sektor. In den Jahren 2024 und 2025 sprangen viele Unternehmen auf das Geschäftsmodell von Strategy auf. So lange der Bitcoin-Kurs stieg, ging das gehebelte Geschäftsmodell wunderbar auf. Das ist vorbei. Die Aufnahme von Schulden zum Kauf von volatilen Assets wird bei langfristig fallenden Kursen zur Existenzbedrohung für die Treasury-Unternehmen. Auch Satsuma Technologies und Sequans veräusserten jüngst Bitcoins, um Wandelanleihen tilgen zu können. Das Mining-Unternehmen Mara Holdings verkaufte im März zum gleichen Zweck 15'133 Bitcoins. Vor Kurzem noch hatte das Unternehmen verlauten lassen, es sei nun auch ein Treasury-Unternehmen und werde die im Mining gewonnenen Coins nicht mehr veräussern.
Fällt der letzte Käufer?
Die Investoren mussten schmerzhaft lernen, dass was nach oben funktioniert, ebenso nach unten passiert. Das heisst, der Hebel in der Anlage durch Fremdkapital liess die Aktien der Treasury-Unternehmen noch schneller steigen als den Bitcoin, umgekehrt ist jetzt die Fallhöhe für die Börsennotierungen auch höher.
Während wohl die wenigsten Schweizer Anleger in dieses Treasury-Unternehmen investiert sind, verursachen die Massen an Bitcoins, die auf den Markt geworfen werden, Sorgen. Wie soll sich so der Markt erholen – es sieht eher nach einem weiteren Rückschlag aus. Notorische Bitcoin-Kritiker sehen sich bestätigt und schreiben etwa, der Markt sei gar nicht dezentral, nur noch wenige Wallets würden den Handel aufrechterhalten und die Treasury Unternehmen seien die letzte Säule gewesen, die die Bitcoins, die Privatanleger, ETF oder Staaten wie Bhutan abstiessen, erworben hätten. Und nun breche auch diese Säule weg…
Bitcoin bleibt volatiles Asset
«Aktuell ist Bitcoin im Bärenmarkt, jeder, der etwas anderes sagt, ist meiner Meinung nach sehr euphorisch und ignoriert eine brenzlige Weltwirtschaftslage», sagt Joel Kai Lenz von der Bitcoin-App Relai. Anleger würden in Bitcoin immer noch einen sehr volatilen Vermögenswert für kurzfristige Haltefristen sehen. Daher sei er bei einem Kriegsausbruch oder Ähnlichem auch einer der ersten Vermögenswerte, die liquidiert werden. Aktuell hätten es auch Gold und Silber schwer.
Die Kehrseite ist gemäss Lenz, dass im Bullenmarkt pure Euphorie herrsche und wirklich jeder eine Treasury Firma aus dem Boden gestampft habe, oft, ohne an den Abwärtstrend zu denken. Man habe nicht daran gedacht, ob man genügend Cash-Reserven habe, wie man im Bärenmarkt zusätzliche Verpflichtungen decken könnte, wenn keiner mehr Aktien oder Wandelanleihen kaufe.
«Dass ein einzelnes Unternehmen wie Nakamoto in Schwierigkeiten steckt, ist für den Gesamtmarkt unbedeutend. Sein Anteil ist zu gering, um den Kurs nachhaltig zu bewegen», sagt Bitcoin-Experte und Dozent Rino Borini. Es gebe rund 190 Bitcoin-Companies, die etwa 1'160’000 Coins halten. 65 Prozent davon hält Strategy, die Nummer zwei, Twenty One Capital, hält bereits lediglich 3,7 Prozent. Nakamoto habe ihre Bitcoin Bestände fast auf dem Allzeithoch gekauft. «Ob das klug war, sei dahingestellt. Rückblickend ist man immer gescheiter», sagt Borini. Er fand das Vorgehen aber doch eher risikoreich.
Schmerzhaft, aber kein Todesstoss
Würde Strategy ausfallen, hätte das gemäss Borini kurzfristig riesige Auswirkungen. Doch dieses Szenario sehe er nicht. Es gebe keine Anzeichen für einen Notverkauf. Die Finanzierung sei langfristig gesichert. «Die eigentliche Stabilität wird durch die grossen Spot-ETF und private Holder gewährleistet», fügt der Bitcoin-Experte an. Ein Rückzug der Treasury-Unternehmen wäre ein schmerzhafter Preisrücksetzer, aber kein Todesstoss für den Bitcoin.
«Nach über zehn Jahren in Bitcoin würde ich behaupten, dass es der klassische Wash-out-Effekt ist, wo Leute, die dachten, es kann nur nach oben gehen, von der Realität eingeholt werden», sagt der Relai Manager. Unternehmen, die länger dabei sind, und sich auch mit langfristigen Optionen beschäftigen, werden überleben, die anderen nicht. Strategy habe im Bärenmarkt 2022 gelernt, dass es eine ordentliche Cash-Reserve aufbauen müsse. Damals stand es wesentlich schlechter um die Firma.
Risiko für Aktien
Borini sieht eher für den Aktienmarkt ein Reputationsrisiko: «Wenn das Bitcoin-Treasury-Modell scheitert, wird es inskünftig schwierig, institutionelles Kapital über den Aktienmarkt einzusammeln.» Er bemängelt jedoch, dass die Abhängigkeit von wenigen Unternehmen ein Konzentrationsrisiko sei, das der Dezentralisierung widerspreche. Wenn diese Firmen ihre Bestände verkaufen müssten, würden die Coins in die Hände von Tausenden kleineren Adressen übergehen, was die langfristige Stabilität sogar erhöhen würde.
Für Borin bleibt zentral: Ein Verkauf von Corporate Bitcoin Treasuries wäre ein einmaliges Ereignis (Liquidation), das den Preis kurzfristig drückt, aber die Funktionalität des Protokolls nicht berührt – Bitcoin sei Bitcoin. «Bitcoin ist immer noch sehr jung. Der Markt muss lernen, auch ohne permanente Käufe durch Firmen zu funktionieren. Das führt langfristig zu einer gesunden Entwicklung. Das gehört aber alles zu einer Adaptionsphase», fügt er an.
short cuts
Franklin Templeton gründet nach Übernahme Kryptosparte
Der US-Asset-Manager Franklin Templeton gründet eine eigene Kryptowährungsabteilung, Franklin Crypto, die auf der geplanten Übernahme der Krypto-Investmentfirma 250 Digital basiert. Die neue Einheit wird die liquiden Krypto-Strategien der beiden Unternehmen zusammenführen, um aktivere, institutionell ausgerichtete Krypto-Investitionen anzubieten. Franklin Tempelton erweitert damit das Krypto-Angebot über das ETF-Geschäft hinaus. Das Spannende am Deal ist die Bezahlung, die teilweise mit tokensierten Vermögenswerten erfolgt und damit diese experimentelle Asset-Klasse in die reale Welt bringt. Ein Teil der Akquisition wird mit Benji-Token bezahlt, die an den On-Chain U.S. Government Money Fund von Franklin Templeton gebunden sind. Der Digital-Asset-Bereich von Franklin Tempelton verwaltet bisher rund 1,8 Milliarden Dollar.
Hongkong verpasst Stablecoins-Termin
Die Währungsbehörde in der chinesischen Sonderwirtschaftszone hat bisher keine Anträge für Hongkong-Dollar-Stablecoins genehmigt, obwohl sie das nach eigenem Bekunden im März vorhatte. Die Verzögerung erfolgt trotz früherer Zusicherungen der Behörden, dass die Lizenzvergabe im März beginnen werde, was Fragen darüber aufwirft, wie schnell Hongkongs Stablecoin-Rahmenwerk von der Politik zur Umsetzung übergehen wird. Grosse Institutionen wie HSBC und ein Joint Venture von Standard Chartered und Animoca werden voraussichtlich zu den ersten Lizenznehmern gehören, was die enge Verbindung zwischen dem neuen Stablecoin-Regime und dem bestehenden Notenausgabesystem Hongkongs unterstreicht.

