Vermögende Durchschnittskunden erhalten heute durch KI bereits eine Beratungsqualität, die der eines Private Bankings sehr nahekommt. Davon überzeugt ist Debasish Patnaik, Senior Partner bei McKinsey. Das würde nicht nur Berater «entwerten», die in ihrem Job bislang mit standardisierten Empfehlungen operierten. Das bedeute auch, dass sich das Anforderungsprofil für viele Beschäftigte im Wealth Management grundlegend verändern werde, wie er in einem Interview mit Bloomberg sagte.
Für Patnaik und McKinsey scheint es ausgemachte Sache zu sein, dass Kunden mit frei investierbaren Vermögenswerten zwischen 100’000 und 1 Million Dollar künftig weitgehend von KI-Systemen betreut werden könnten. Vermögensberater aus Fleisch und Blut müssten sich dagegen auf die «emotionalen und komplexen Bedürfnisse» wirklich vermögender Kunden konzentrieren, wenn sie einen Mehrwert gegenüber KI bieten wollen, glaubt Patnaik, ein Computerwissenschaftler, der bei McKinsey in einer speziellen KI-Einheit tätig ist.
Gleichzeitig sagt Patnaik, dass bei der Betreuung von Kunden aus den vermögenderen Segmenten, also dem HNWI- (ab 1 Mio.) und UHNWI-Bereich (über 30 Mio.), weiterhin menschliche Fähigkeiten entscheidend bleiben. Wer in der Lage sei, «den Raum zu lesen» und familiäre Dynamiken zu steuern, habe die besten Chancen, die KI-Revolution im Wealth Management zu überstehen.
Chance für die Big Player
Die Diskussion über den Einfluss der KI ist inzwischen tief in die Wealth-Management-Branche eingedrungen. Bei der UBS befindet sich KI inzwischen ganz weit oben auf der Prioritätenliste von CEO Sergio Ermotti. In internen Town Halls, aber auch öffentlich, hat er wiederholt gesagt, dass er KI als Produktivitätsmotor sehe, als ein Instrument zur Steigerung der Produktivität und zur Realisierung von Skaleneffekten.
Die Bank setzt die Technologie bereits breit in der Vermögensverwaltung, bei internen Prozessen und in der Kundenbetreuung ein. Unter anderem setzt die Bank «UBS Red» ein, einen eigenentwickelten KI-Assistenten für Kundenberater. Aus Kundensicht ist noch wenig greifbar, wohin die UBS beim KI-Thema steuern wird. Konkrete Produkte für Endkunden hat die Bank bisher nicht angekündigt.
Mächtig Gas geben grosse amerikanische Universalbanken, die in der Technologie die Chance sehen, in der Vermögensverwaltung zu wachsen. Jane Fraser, CEO der Citigroup, hat vor Kurzem das Ziel formuliert, die Bank zu einem «globalen Marktführer im Wealth Management» zu entwickeln.
Mehr Interaktionen machen Kunden happy
Das will die Citigroup mit der Rekrutierung von 400 zusätzlichen Vermögensberatern im US-Privatkundengeschäft sowie weiteren 100 Mitarbeitern im Private Banking erreichen. Gleichzeitig entwickelt die Bank KI-gestützte Software, die Portfolioanalysen nahezu in Echtzeit erstellen soll – ein Vorgang, der bislang mehrere Stunden in Anspruch nahm. Bankberater sollen künftig auf Knopfdruck einen Bericht des Chief Investment Officers erstellen und die Auswirkungen für den jeweiligen Kunden zusammenfassen können.
Zu den Produkten, die Citi für ihre Endkunden auf den Markt bringt, gehört unter anderem ein dialogorientierter, KI-gestützter Avatar, der speziell darauf ausgelegt ist, vermögende Kunden bei Themen wie der Verwaltung des Studienfonds für ihre Kinder zu unterstützen. Insgesamt führt dies dazu, dass Citi dank KI mehr Kontakt zu seinen Kunden haben wird, und eine stärkere Kundenbindung sorgt für zufriedenere und treuere Kunden.

