Digital Assets Briefing
Der aktuelle Rückschlag passt ins historische Muster, doch es fehlen die Ursachen. +++ Dazu: Citigroup handelt tokenisierte Pre-IPO-Aktien auf Schweizer Plattform +++ Neue Krypto-Sanktionen der EU gegen Russland.
12. Juni 2026 • Werner Grundlehner

Der Bitcoin-Wert entwickelt sich in Zyklen, diese werden durch das Halving initiiert. Zyklen zeichnen sich auch durch lange Abschwünge aus – die beim Bitcoin, der den Takt für die Branche vorgibt, Kryptowinter genannt werden. So weit, so bekannt. Bitcoin-Verfechter verweisen immer wieder darauf, dass der aktuelle Werteinbruch des Bitcoins von über 50 Prozent so gesehen nichts Aussergewöhnliches, sondern im Gegenteil die Regel ist. Im letzten Bärenmarkt brach der Kurs um 77 Prozent ein, in den beiden «Wintern» davor sogar um je rund 85 Prozent.

Jedes Mal hat sich der Bitcoin danach erholt und neue Höchststände erreicht. Auffällig ist dabei, dass die Abschwünge von Zyklus zu Zyklus flacher werden, weil der Markt reifer und grösser wird. Ist also alles im grünen Bereich?



Und in den Short Cuts diese Woche:
  • Citigroup handelt tokenisierte Pre-IPO-Aktien auf Schweizer Plattform
  • Neue Krypto-Sanktionen der EU gegen Russland


Es lohnt sich zu vergleichen, was in der aktuellen Baisse anders ist als in früheren Zyklen. Seit dem letzten Kryptowinter von 2022 haben sich entscheidende Faktoren im Markt verändert. Der wichtigste dürfte die Wahrnehmung durch institutionelle Investoren sein. Der Startschuss für die Adaption durch professionelle Anleger dürfte Anfang 2024 die Zulassung der ersten Spot Bitcoin ETF gewesen sein. Die neuen Anlagevehikel zogen unmittelbar hohe zweistellige Milliardenbeträge an. In der Folge kamen weitere Finanzprodukte auf Bitcoin und andere Krypto-Währungen hinzu und Banken boten ihren Kunden vermehrt Möglichkeiten an, direkt – ohne Umwege über Drittanbieter wie Kryptobörsen – in die neue Anlageklasse zu investieren.

Regierungen und Regulatoren wechseln Seite

Auch das politische und regulatorische Umfeld ist ein anderes geworden – und das liegt nicht nur an Donald Trump, der sich im Wahlkampf als «Bitcoin President» gab und den Aufbau einer nationalen Bitcoin-Reserve versprach. Per Ende 2024 hat die EU die Markets in Crypto Assets Regulation (MiCAR) in Kraft gesetzt. Dieses Gesetz regelt die Distributed-Ledger-Technologie (DLT) und virtueller Vermögenswerte in der Europäischen Union und soll Konsumenten und Investoren schützen. Die Schweiz war mit ihrem DLT-Gesetz einst ein Vorreiter und hat bereits Anfang 2021 die rechtlichen Rahmenbedingungen für Blockchain und Krypto-Assets geschaffen. Seither hat der Schwung hierzulande aber deutlich nachgelassen – und es wächst die Angst, dass die Schweiz den Anschluss verliert.

In den Vereinigten Staaten hat sich in den vergangenen Monaten eine starke Krypto-Lobby gebildet. Das hat auch damit zu tun, dass die reichsten Krypto-Unternehmer aus den USA kommen – unter den zehn reichsten Milliardären finden sich neun Amerikaner: Brian Armstrong (Coinbase), der verurteilte Betrüger Sam Bankman-Fried, Chris Larsen (Ripple), Jed McCaleb (Stellar), Michael Saylor (Strategy), die Winklevoss-Zwillinge Tyler und Cameron (Gemini), Barry Silbert (Grayscale) und Matthew Roszak (Bloq).

Ein Sturm an Skandalen und Insolvenzen

Die einflussreiche Gruppe verstärkt den klaren Pro-Krypto-Kurs der USA, der mit dem «Gesinnungswechsel» in der Börsenaufsicht SEC eingeläutet wurde. Am 21. April 2025 trat Paul S. Atkins, der zuvor im Dezember 2024 von Donald Trump nominiert wurde, offiziell seine Stelle als Chef der SEC an. Damit löste ein Krypto-Verfechter Gary Gensler ab, der Bitcoin & Co. skeptisch gegenüberstand. Atkins begann etwa mit der Einführung einer neuen Token-Taxonomie. Bald werden das Stablecoin-Gesetz (Genius Act) und das umfangreiche Marktstrukturgesetz (Clarity Act) verabschiedet und mehr Sicherheit und Transparenz in den Markt bringen. Der Bitcoin und andere Kryptowährungen werden dadurch wie Rohstoffe und nicht wie Wertschriften reguliert.

Der letzte Kryptowinter wurde auch durch zahlreiche grosse Skandale, wenn nicht ausgelöst, dann doch «genährt». Im November 2022 brach die Kryptobörse FTX zusammen, als bekannt wurde, dass Gründer Sam Bankman-Fried Milliarden Kundengelder veruntreut und in riskante Spekulationen investiert hatte. Das Unternehmen FTX wurde insolvent. Bereits im Mai 2022 wurden beim Zusammenbruch des Terra-Luna-Konstrukts schätzungsweise 40 bis 50 Milliarden Dollar an Anlegervermögen vernichtet. Dies Kombination täuschte Stabilität mit durch zwei Coins vor: den Terra USD, ein sogenannter algorithmischer Stablecoin, der eigentlich im Verhältnis 1:1 an den US-Dollar gekoppelt sein sollte und Luna, die schwankende Schwesterwährung, die als Stützungsmechanismus für den Stablecoin diente.

«Wenn er das nicht aushält, soll er sterben»

Jetzt könnte man anführen, dass der aktuelle Winter deshalb schneller vorüber sein wird, weil viele Hindernisse aus dem Weg geräumt sind und es eigentlich keine negativen Einflussfaktoren wie in der letzten Baisse gibt. Doch bedrohlicher ist die Frage: Wieso ist der Bitcoin überhaupt im Kriechgang? Wenn es keine grossen Skandale gibt, Regulatoren, Regierungen und institutionelle Kunden Bitcoin & Co. akzeptiert und aufgenommen haben? Notenbanken wie die luxemburgische und die tschechische haben damit begonnen, Bitcoin-Reserven aufzubauen.

In den vergangenen Wochen gab es oft Phasen, in denen Strategy, das Bitcoin-Treasury-Unternehmen von Michael Saylor, der einzig relevante Käufer am Markt war. Die Investorin, Ökonomin und Buchautorin Lyn Alden hat dazu mit einer zugespitzten Aussage reagiert. Auf X twitterte sie: «If Bitcoin can’t survive, it should die». Alden entgegnete damit auf die Kritik, Strategy könnte durch seine Zukäufe zu viel Macht im Markt erhalten. Man solle keine einzelne Entität dafür kritisieren, zu viele Bitcoins zu kaufen, meinte Alden. Falls Bitcoin schon dadurch zerstört werden könne, dass ein Akteur grosse Mengen Bitcoin akkumuliere, sei das Netzwerk ohnehin nicht robust genug. Das sei kein Fehler des Käufers, sondern ein Stresstest für Bitcoin, den ein offenes, neutrales Geldsystem aushalten müsse.

Wahrscheinlich haben in den vergangenen Monaten zu viele Spekulanten Bitcoin einzig mit der Absicht gekauft, Geld zu verdienen und dann wieder zu verkaufen. Dieselben Investoren haben auch die Aktien von Gamestop, Meme-Coins, Crazy-Ape-NFT, Dot-Com-Aktien oder Silber in eine Berg-und-Talfahrt getrieben. Das zugrundeliegende Versprechen von Bitcoin – ein diversifizierter, globaler, zensurresistenter, währungssicherer Wertspeicher mit einem limitierten Emissionsvolumen zu sein – spielt für diese Investoren keine Rolle. Doch den Hype-Faktor haben die Kryptowährungen verloren. Die Jäger des «schnellen» Geldes haben sich neuen Opfer zugewandt wie KI-Aktien, Energietitel und SpaceX.




Short cuts: News aus der digitalen Welt


Citigroup handelt tokenisierte Pre-IPO-Aktien auf Schweizer Plattform

Die US-Grossbank Citigroup lanciert eine Plattform, über die institutionelle Kunden tokenisierte Aktien privater Unternehmen handeln können. Das Angebot läuft auf der Schweizer Infrastruktur SDX (SIX Digital Exchange), das erste und einzige DLT-basierte zentrale Wertschriftendepot mit Finma-Lizenz. Die Zusammenarbeit wurde bereits im Mai 2025 angekündigt. Citigroup übernimmt auch die Funktion als digitale Verwahrstelle und Tokenisierungsagent. An der ersten verifizierten Investitionstransaktion war das Digitalunternehmen Kaleido beteiligt. Konkrete private Unternehmen, deren Anteile auf der Plattform gehandelt werden, nannte die US-Bank nicht.


Neue Krypto-Sanktionen der EU gegen Russland

Die Europäische Kommission hat neue Sanktionen gegen Russland unterbreitet. Mit dem Paket werden Transaktionsverbote gegen elf Krypto-Plattformen verhängt, die der Sanktionsumgehung beschuldigt werden. Das EU-Sanktionsregime gegen Russland besteht aus rollierend verabschiedeten Paketen mit unterschiedlichen Massnahmen. Den Hintergrund liefern Daten von Chainalysis. Gemäss Daten dem Unternehmen sind im vergangenen Jahr die Sanktionsumgehungen um fast 700 Prozent auf 104 Milliarden Dollar gestiegen. Vor wenigen Tagen war der 17-jährige Brite Alexander Browder auf eine russische Sanktionsliste gesetzt worden, weil er ein mutmassliches, milliardenschweres Krypto-Geldwäschesystem aufdeckte. Browder hatte im März aufgezeigt, wie Russland Börsen, OTC-Dienste und Stablecoins nutzt, um Sanktionen zu umgehen und Gelder zu waschen. Ein Eckpfeiler ist die russische Krypto-Börse Garantex, die laut Browder mehr als 100 Milliarden Dollar, der Grossteil davon aus Sanktionsumgehungen, verarbeitet hat.

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