Der frühere Finanzchef der Credit Suisse hat eine Stiftung gegründet und züchtet seltene Orchideen. Er war der Baumeister der verschachtelten Organisationsstruktur und der letzte Grossverdiener der gescheiterten Bank.
13. Mai 2024 • Beat Schmid

Jahrelang war er der heimliche Chef der Credit Suisse: David Mathers, Finanzchef der Grossbank von 2010 bis kurz vor dem Kollaps. Er gilt als Baumeister der wahnwitzig komplexen Organisationsstruktur der Grossbank mit über 1000 Gesellschaften. Er sorgte dafür, dass die Bank auch dann Milliardenboni ausschüttete, wenn sie Verluste schrieb – und schaffte es, die Bank immer gut aussehen zu lassen.

«Unter ihm» dienten CEOs wie Brady Dougan, Tidjane Thiam und Thomas Gottstein. Mathers, der Brite, hat sie alle überlebt. Und er verdiente Millionen. Dank seiner Zusatzfunktion als CEO der britischen Landesgesellschaft Credit Suisse International betrug sein Fixgehalt 3,5 Millionen Franken. Mehr bekam in der Konzernleitung niemand. Im Krisenjahr 2022 war er der bestbezahlte CS-Topmanager. Er war einer der wenigen, die einen Bonus erhielten.

Doch den letzten CEO-Wechsel überlebte Mathers nicht. Als Ueli Körner seine Kurzzeitregentschaft antrat, musste er gehen. Ende Oktober 2022 war für ihn Schluss. Geschätzte 60 Millionen Franken hat er aus der Credit Suisse herausgeholt. Damit zog er sich auf die Insel zurück. Seither ist es still geworden um Mathers.

Doch wie Recherchen zeigen, war er nicht untätig. Bevor er die Bank verliess, gründete er The Mathers Foundation, eine private Stiftung, die er mit mehreren Hunderttausend Britischen Pfund ausstattete. Wie ein Leserbriefschreiber in der «Financial Times» vor kurzem bemerkte, diene ihm dieses Vehikel dazu, seine vermutlich beträchtliche Steuerlast zu optimieren.

Dahlien und Kletterrosen im Kopf

Doch die Stiftung hat einen handfesten Zweck, einen stilecht britischen sogar. Laut Gründungsurkunde soll sie sich für die Zucht und den Erhalt seltener Orchideen einsetzen. Dass die Inselbewohner einen Spleen für Botanik haben, ist bekannt. Ebenso, dass sie sich spätestens ab Mittwoch nicht mehr für Geschäftliches interessieren, sondern nur noch Dahlien und Kletterrosen im Kopf haben.

Doch wer hätte gedacht, dass dieses Klischee auch auf den nüchternen Zahlenmenschen zutrifft, der an der Eliteuniversität Cambridge seinen Master in Natural Sciences gemacht hat? Mathers ist seit seiner Jugend ein Liebhaber der Knabenkräuter, wie die Orchideen wegen ihrer Ähnlichkeit mit den männlichen Genitalien seit der Antike genannt werden. Bereits mit zwölf Jahren soll er seine ersten Exemplare gezüchtet haben, schreibt die britische «Orchid Review» in einem Porträt.

Die Stiftung unterhält in West Sussex eine imposante Gewächshausanlage mit Besucherzentrum. Sie arbeitet mit dem bekannten Orchideenspezialisten Jim Durrant zusammen, der eine bedeutende Pflanzensammlung in die Stiftung eingebracht hat. Eines ihrer Ziele ist es, «lebende Exemplare historisch gesammelter Orchideen zu erhalten, die bis in die viktorianische Zeit zurückreichen».

Keine Verbindung zur Credit Suisse

Laut Jahresbericht hat Mathers der Stiftung im vergangenen Jahr 950’000 Britische Pfund geschenkt. Im Vorjahr waren es 300’000 Pfund. Die Stiftung verfügt über ein Eigenkapital von über 1,2 Millionen Pfund, das weiter aufgestockt werden soll, um aus den Erträgen die Aktivitäten der Stiftung finanzieren zu können. Mathers selbst gehört dem Stiftungsrat nicht an, wohl aber seine Frau und zwei weitere Familienmitglieder.

In den verschiedenen Medienberichten über die Stiftung und auch auf deren Website findet sich kein Hinweis auf seine frühere Tätigkeit bei der Credit Suisse. Die Stiftung unterhält auch keine Bankbeziehung mit der Schweizer Bank. Laut Geschäftsbericht arbeitet die Mathers Foundation mit einer der ältesten und diskretesten aller britischen Privatbanken zusammen, der Bank C. Hoare & Co in London.

Der Autor schreibt regelmässig für den Sonntagsblick. Dort wurde der vorliegende Artikel am 12.5.2024 zuerst publiziert.

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