Immerhin hat er es in den Sandkasten geschafft. Aber wie lange geht es, bis er erwachsen ist und berufstätig wird? Die Rede ist vom Franken-Stablecoin. Diese Woche gab Swiss Stablecoin bekannt, dass das Unternehmen zusammen mit der UBS, Postfinance, Sygnum, Raiffeisen, der Zürcher und der Waadtländer Kantonalbank schon bald eine Franken-Stablecoin-Sandbox lanciere. Die neue Initiative testet potenzielle Anwendungsfälle für einen Franken‑Stablecoin in der Schweiz in einer isolierten Test-Umgebung.
Und in den Short Cuts diese Woche:
• Und wieder einmal: Satoshi ist gefunden!!
• IWF-Studie: Tokenisierung gefährdet Finanzmärkte
Das ist zumindest ein Fortschritt. Bisher hörten Aussenstehende nach der Lancierung von verschiedenen hiesigen Projekten nicht mehr allzu viel, während andernorts Stablecoins boomen – vor allem in den USA. Im Juni 2024 warf die Finanzmarktaufsicht (Finma) mit der Aufsichtsmitteilung «Stablecoins: Risiken und Anforderungen für Stablecoin-herausgebende und garantiestellende Banken» Schweizer Projekten einen dicken Knüppel zwischen die Beine. Im Oktober des vergangenen Jahres rief Pascale Bruderer, die Gründerin von Swiss Stablecoin, zu einem Roundtable, an dem sich 60 Vertreter aus Finanzindustrie, Realwirtschaft, bundesnahen Betrieben, Behörden und Wissenschaft austauschten. Grundtenor: In der Schweiz soll ein Stablecoin freundliches Umfeld entstehen.
Was will der Markt?
Die in der Pressemitteilungen erwähnten «potenziellen Anwendungsfälle» lassen einiges an Spielraum offen, damit könnten etwa Abrechnungstransaktionen zwischen Schweizer Banken, Interbank-Zahlungstransaktionen oder auch Zahlungen von Privatpersonen an Verkaufsstellen gemeint sein. «Welche Anwendungsfälle umgesetzt werden, gilt es noch zu entscheiden. Es ist genau eines der Ziele dieser Sandbox herauszufinden, für welche Anwendungen im Markt Interesse besteht, solche gemeinsam zu entwickeln und zu testen», antwortet Pascale Bruderer Tippinpoint auf die Frage nach dem Anwendungsfall.
Eine Schweizer Krypto-Dienstleister hat dagegen klare Vorstellungen, was Stablecoins sind. «Es geht darum, den internationalen Zahlungsverkehr zu verändern. Stablecoins sind eine Attacke auf Swift», sagt er. Swift ist das internationale Banken-Netzwerk für sichere Geldüberweisungen. Der Schlüssel für den Erfolg ist Liquidität – und diese ist schwer zu erreichen, wenn etablierte Produkte schon auf dem Markt sind. Der Stablecoin wird von den Dollar-Stablecoins von Tether und Circle (USDC) dominiert. Diese absolute Dollar-Dominanz zeigt, dass der Stablecoin nicht mit den traditionellen Währungen zu vergleichen ist. Der Euro-Stablecoin von Tether bringt es etwa auf eine Marktkapitalisierung von 3 Millionen Dollar, während der Dollar-Bruder 184 Milliarden auf die Waage bringt.
International ein schwerer Stand
Franken-Stablecoins werden im internationalen Umfeld – mit Verspätung – erst recht einen schweren Stand haben. Das zeigt sich an anderen Krypto-Produkten: Obwohl zahlreiche Anbieter wie 21Shares oder Amina Bank schon vor Jahren Krypto-ETP lanciert haben, erreichen diese nur einen Bruchteil des Volumens der Krypto-Anlageprodukte – vor allem der Exchange Traded Funds (ETF) – grosser US-Asset-Manager, die Jahre später lanciert wurden. Der Schweizer Regulator erlaubt keine ETF, die nur ein Asset, etwa den Bitcoin, als Basiswert aufweisen. Aus diesem Grund sind keine in der Schweiz domizilierten Exchange-Traded-Funds auf Kryptowerte zugelassen, Exchange Traded Products (ETP), die ETF sehr ähnlich sind, aber schon.
«Es ist das eine, einen Stablecoin auf der Blockchain zu etablieren, das weitaus schwierigere ist es, die Zahlungstechnologie im täglichen Leben zu etablieren und beispielsweise den Stablecoin an die gebräuchlichen Zahlstellen in Läden, Tankstelle und Restaurants zu bringen», wendet ein Schweizer Experte ein. Ein Argument für Stablecoins wäre eine «Verzinsung». Die Sicherheiten, mit denen die Coins hinterlegt sind, werfen auch einen Ertrag ab. Dieser geht aber nicht an die Halter. Sowohl die US-Regulierung als auch die europäische MiCA-Verordnung untersagen eine Verzinsung für Retailkunden. Wobei in den USA das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.
Dollarraum ist gesättigt
Die These, «es braucht keine weiteren Stablecoins», hält Phil Dettwiler, Head Strategic Partnerships bei Crypto Finance, einer Tochter der Deutschen Börse, für den globalen Dollar-Raum weitgehend für zutreffend, für andere Währungen jedoch nur eingeschränkt. «Im Dollar sehen wir klar, dass Liquidität, Marktakzeptanz und Markenvertrauen die entscheidenden Faktoren sind. Der Markt ist dort mit Tether und USD-Coin faktisch entschieden – abgesehen von möglichen regulatorischen Änderungen und Herausgeberrisiken». Weitere Plain-Vanilla-Dollar-Stablecoins ohne klaren Differenzierungsfaktor würden kaum relevant skalieren und die Diskussion dreht sich im Dollar eher darum, ob Zins erlaubt werden soll oder nicht. Die heutige Dollar-Stablecoin-Dominanz wurde gemäss Dettwiler dadurch begünstigt, dass die meisten Kryptowährungen hauptsächlich in Dollar gehandelt werden.
In anderen Währungsräumen – Euro, Franken, künftig auch ausgewählte Schwellenländer-Währungen – sei die Situation differenzierter. «Hier kann es Sinn machen, neue Stablecoins zu lancieren, wenn sie entweder über einen starken Markennamen verfügen oder als politisch und kommerziell als neutral wahrgenommen werden oder klar in bestehende Zahlungs-, Bank- oder Wertschöpfungssysteme integriert sind», sagt der Crypto-Finance-Experte. Unabhängig davon werde es zwangsläufig zu einer Marktkonsolidierung kommen müssen, sonst würden Liquidität, Interoperabilität und Effizienz leiden. «Aus Nutzersicht sind tausend kleine Stablecoins kein Fortschritt. Aus diesen Gründen begrüsse ich die angekündigte Stablecoin Initiative, da eine private, neutrale, dominante Schweizer Lösung den hiesigen Finanzplatz stärken kann», so Dettwiler.
«Franken-Stablecoin ist Infrastruktur»
«Die These, es braucht keine weiteren Stablecoins, ist für den Retail-Bereich nachvollziehbar. Dort entscheiden Liquidität, Marke und Netzwerkeffekte. Aber die These endet dort, wo es interessant wird. Denn im institutionellen Bereich geht es nicht um ein weiteres Zahlungsmittel - ein Franken-Stablecoin ist kein Produkt, er ist Infrastruktur», sagt Markus Fehn, Leiter der Strategie- und Innovationsabteilung bei Chartered Investment. Dass Interbanken-Transaktionen aber auch ohne Stablecoins oder digitales Zentralbankgeld unmittelbar verarbeitet werden können, zeigt das Projekt von Crypto Finance Group, Amina Bank und Incore Bank. In dieser Woche haben die Institute den zweiten Schritt ihres Zahlungsinfrastruktur-Piloten auf Google Cloud Universal Ledger abgeschlossen.
«Das gemeinsame Projekt zwischen Swiss Stablecoin, UBS, Postfinance, ZKB & Co. ist ein Schritt in die richtige Richtung für den Schweizer Finanzplatz nebst dem bisher adressierten Deposit Token-Projekt der Schweizerischen Bankiervereinigung», sagt Gregor von Bergen, Head of Payments, Cards & Digital Assets, beim Beratungsunternehmen Capco. Es zeige sich bereits heute, dass Stablecoins eine gute Ergänzung seien zu Deposit Token (digitales Geschäftsbankengeld), welche an strengere KYC-Anforderungen (Kundenidentifikation) gebunden seien, jedoch im Gegenzug eine interessante Kapitaleffizienz aufweisen.
«Der Kunde möchte auch nicht einen PostFinance-Token, einen UBS-Token etc.», fügt von Bergen aus. Das werde zu kompliziert und auch der Tausch zwischen den Token könne eine operative Herausforderung sein. Bei dem Thema lohne auch der Blick ins europäische Ausland: Mit Qivalis gebe es im Euro-Raum einen spannenden Vorreiter, der aufzeige, dass ein Zusammenschluss von Banken sinnvoll sein könne, sagt von Bergen. «Eines ist sicherlich klar: Es braucht einen digitalen Franken, so wie es einen digitalen Euro braucht nebst dem digitalen Dollar».
Es geht um zeitliche Konvergenz
Banken und institutionelle Marktteilnehmer stehen gemäss Fehn vor dem Problem, dass tokenisierte Vermögenswerte zwar rund um die Uhr handelbar sein könnten - aber die Geldseite nicht mithält. Settlement-Systeme schliessen um 17 Uhr, Delivery-versus-Payment brauche programmierbares Geld, und zwischen Geld- und Asset-Seite klaffen Medienbrüche. «Ein regulierter Franken-Stablecoin würde dieses Problem adressieren», sagt der Chartered-Investment-Experte. Der Schweizer Franken ist neben dem Dollar die einzige Währung mit einer global anerkannten Vertrauens- und Stabilitätsreputation. Ein Franken-Stablecoin, der diese Eigenschaft digital verfügbar macht, hätte gemäss Fehn theoretisch Potenzial weit über die Schweiz hinaus. Das Projekt von Swiss Stablecoin scheint sich jedoch auf die Schweiz zu fokussieren.
Krypto-Investoren möchten «zwischen den Deals» auf der Blockchain bleiben, sagt ein Kryptodienstleister, das sei ein Anwendungsfall für Stablecoins und die grosse Chance für Tokenisierung. Denn der Anleger sitze nach dem Verkauf eines Krypto-Assets auf Stablecoins, wolle darauf aber Einkommen erzielen und suche deshalb Assets, die das liefern können, wie etwa tokenisierte Schuldverschreibungen.
Das grösste echte Bedürfnis für Stablecoins sieht Phil Dettwiler im Settlement für digitale Assets. Nach seiner Ansicht liegt dort der stärkste «Product-Market-Fit» im Settlement von digitalen Vermögenswerten – also bei Kryptowährungen, tokenisierten Assets und DLT-nativen Wertpapieren. Asset- und Settlement-Seite verwendeten die gleiche Technologie und können damit grundsätzlich ein quasi risikoloses, sofortiges «delivery vs paymet» Settlement ermöglichen. Dieses Bedürfnis könnte theoretisch auch über Smart-Contract-getriggerte Kontoüberträge gelöst werden. Dann stelle sich aber sofort wieder die Konzentrations- und Trust-Frage. «Vertraue ich lieber einem Stablecoin-Issuer oder einer Bank? Entscheidend ist: Dieses Settlement-Bedürfnis wächst direkt proportional zur Verbreitung digitaler Assets. Ohne diese bleibt auch der Nutzen von Stablecoins begrenzt», sagt Dettwiler.
Noch andere Franken-Projekte
Der Swiss Stablecoin ist nicht das einzige digitale Franken-Projekt, aber wohl das einzige, dass dank der breiten Unterstützung im Finanzsektor eine gewisse Chance auf eine Etablierung hat. Im Februar lancierte das Gemeinschaftsunternehmen Allunity (DWS Group, Flow Traders und Galaxy) einen EU-regulierten Franken-Stablecoin aus Deutschland heraus und umging so die einschränkende Regulierung der Finma. Der im März 2024 von Luzius Meisser lancierte Frankencoin ist ein «purer» Blockchain-Stablecoin ohne zentralen Emittenten und dient vor allem der Geldschöpfung.
Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat mehrfach betont, dass eine Retail-CBDC – also ein digitales Zahlungsmittel für Privatpersonen – nur dann eingeführt werden könnte, wenn damit klare Vorteile verbunden wären, ohne das bestehende Bankensystem zu destabilisieren. Zudem liess die SNB durchblicken, dass Retail-Stablecoin von privaten Unternehmen eingeführt werden sollte. Pascale Bruderer ergänzt zum Swiss Stablecoin: «Die SNB ist nicht direkt involviert, wurde und wird aber selbstverständlich informiert».
Beschleunigt die Sandbox?
Auf die Frage, ob diese Sandbox-Initiative die Einführung des Swiss Stablecoin beschleunigen werde, antwortet Bruderer: «Diese Sandbox ist ausdrücklich als zeitlich befristete Lern-Phase konzipiert und kein Vorentscheid für eine mögliche Lancierung im Rahmen dieser Partnerschaft». Für Swiss Stablecoin sei das Projekt in so relevanter Partnerschaft natürlich ein wichtiger Meilenstein.
Es bestätigte auch die Positionierung von Swiss Stablecoin: «Wir setzen seit Gründung auf ein reguliertes Vorgehen und haben geduldig auf die richtigen Partnerschaften hingearbeitet. Denn Vertrauen ist absolut zentral – bei jeder digitalen Innovation und insbesondere, wenn es um Zahlungsmittel geht. Darum sind wir auch froh, schlägt der Bundesrat vor, die Rechtssicherheit zu stärken mit einer angepassten Regulation. All diese Entwicklungen rund um digitale Franken wirken sich insgesamt durchaus beschleunigend aus».
«Ein Stablecoin setzt sich nicht durch, weil jemand ihn baut. Er setzt sich durch, wenn mehrere grosse Marktteilnehmer gleichzeitig dahinterstehen, die Regulierung planbar ist und es eine glaubwürdige Governance gibt. Die Technik ist dabei der einfachste Teil», sagt Fehn. Ein Franken-Stablecoin, den Privatkunden nutzen können, wird noch lange auf sich warten lassen. Was jetzt gebaut wird, ist Infrastruktur für Bankanwendungen. Eine Übernahme in den Retail-Zahlungsverkehr sei erst dann realistisch, wenn sich die Strukturen im institutionellen Bereich bewährt hätten und die regulatorischen Rahmenbedingungen auch den Retail-Bereich eindeutig abdeckten, sagt der Chartered-Investment-Experte. Die bestehende Zahlungslösungen funktionieren für Konsumenten gut - der Druck, auf einen Stablecoin umzusteigen, ist im Alltag gering.
Es zeigt sich, mit Stablecoins werden unterschiedliche Themen adressiert, Krypto-Dienstleister setzen auf Infrastruktur für das Asset-Settlement, Zahlungsdienstleister sehen Effizienzgewinne bei der Transaktionsabwicklung, Privatkunden warten auf den «Franken-Tether», den man in der Migros und für Zahlungen an Freunde brauchen kann. Was der Swiss Stablecoin schlussendlich sein wird, ist noch offen – auch ob er sich durchsetzen kann. Bis ein Stablecoin-Franken, der es mit Tether aufnehmen kann, etabliert und für Schweizer Privatkunden verfügbar ist, dürfte noch viel Sand durch die Sanduhren rieseln.
Short cuts: News aus der digitalen Welt
Und wieder einmal: Satoshi ist gefunden!!
Dieses Mal hat ihn seine Sprache verraten. Wieder einmal hat jemand herausgefunden, wer Satoshi Nakamoto ist. Der New-York-Times-Journalist John Carreyrou legte in einem langen Artikel dar, weshalb Adam Back Satoshi Nakamoto sei. Carreyrou hat Texte von Nakamoto und Back verglichen und viele Gemeinsamkeiten gefunden. Back ist Kryptograf und Informatiker und war derjenige, dem Satoshi Nakamoto den Entwurf seines Whitepapers zu Bitcoin schickte. Back war also bereits früh in die Entwicklung von Bitcoin eingebunden und hatte Kontakt zu Nakamoto. Er selbst sei es allerdings nicht, erklärte Back. Das wird er nur so lange müssen, bis der nächste Satoshi Nakamoto überführt ist.
IWF-Studie: Tokenisierung gefährdet Finanzmärkte
Die Tokenisierung, die Abbildung von realen Vermögenswerten auf einer Blockchain, könnte sowohl die Kryptomärkte als auch die traditionelle Finanzwelt grundlegend verändern und dabei neue Risiken mit sich bringen, für deren Bewältigung die Aufsichtsbehörden derzeit noch nicht ausreichend gerüstet sind. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF). Die Tokenisierung sei mehr als nur ein technisches Upgrade für die Märkte. Durch die Verlagerung von Vermögenswerten wie Geld, Anleihen, Aktien und Fonds auf die Blockchain können Transaktionen sofort abgewickelt werden, wodurch Zwischenhändler überflüssig werden und Verzögerungen, die die heutigen Märkte prägen, reduziert werden. Die Tokenisierung könnte durch automatisierte Märkte und Smart Contracts die Volatilität so verstärken. Der IWF forderte klare rechtliche Rahmenbedingungen und eine stärkere globale Koordination und warnte davor, dass tokenisierte Vermögenswerte, die sich sofort über Gerichtsbarkeiten hinweg bewegen, die Aufsicht erschweren und die finanzielle Fragmentierung bei fehlender geeigneter Regulierung verschärfen könnten.

