Konkurrenz für die SIX
Die Finanzmarktaufsicht erteilt dem Infrastrukturbetreiber die erste Bewilligung für den Handel und die digitale Abwicklung von digitalen Vermögenswerten. Damit entsteht der Digital-Börse SDX eine Konkurrenz.
19. März 2025 • Werner Grundlehner

«+2T» soll bei Wertschriftentransaktionen in der Schweiz der Vergangenheit angehören. Das bedeutet, dass es bis anhin zwei Tage dauert, bis eine Buchung von Wertschriften und deren Gegenwert im System abgeschlossen ist. Dieser Zeitraum wird auf der neuen Finanzmarktinfrastruktur der BX Digital (einem Tochterunternehmen der Börse Stuttgart und dem Schwesterunternehmen von BX Swiss, ehemals Berner Börse) fast unmittelbar abgewickelt. Auf der Blockchain dauert es 30 Minuten, bis die Transaktion vollzogen ist.

Am Dienstag informiert die BX Digital, dass das Unternehmen von der Schweizer Finanzmarktaufsicht (Finma) eine Bewilligung für den Betrieb eines DLT-Handelssystems erteilt bekommen habe. Ein Handelssystem auf der Blockchain (Distributed-Ledger-Technologie, DLT) funktioniert nicht zentral, sondern ist über die Knotenpunkte der Blockchain dezentral organisiert.

Bisher fehlten Sekundärmärkte

«Das ist ein wichtiger Schritt, um neue Massstäbe in der Kapitalmarkteffizienz und im Kundenzugang im Bereich der digitalen Vermögenswerte zu setzen», sagt Lidia Kurt, CEO der BX Digital, am Medienevent. Bisher fehlten gemäss Kurt regulierte Sekundärmärkte. Die BX Digital habe sich zum Ziel gesetzt, die führende Schweizer Finanzmarktinfrastruktur für den Handel und die dezentrale Abwicklung von digitalen Vermögenswerten zu werden.

Zentrales Element des neuen DLT-Handelssystems ist die direkte Abwicklung gegen Schweizer Franken und die Übertragung der Vermögenswerte über eine öffentliche Blockchain – ohne die Notwendigkeit von Intermediären wie Zentralverwahrern. Das dürfte den Handel von tokenisierten Vermögenswerten wie Aktien, Anleihen und Fonds zwischen Marktteilnehmern bei hoher Sicherheit deutlich vereinfachen. Die Zahlung und der Vermögenstransfer erfolgen auf der Blockchain mit Smart Contracts auf der Basis geprüfter Delivery-versus-Payment-Vereinbarungen. Zudem ermöglicht eine direkte Anbindung an das Zahlungssystem der Schweizerischen Nationalbank (SNB) eine nahtlose Integration in bestehende Bankensysteme.

«Drei Jahre Entwicklungszeit»

Die BX Digital habe drei Jahre in die Entwicklung investiert, sagt Andreas Ruflin, Chief Digital Officer der Digitalplattform. Die Betreiber hätten eine Lösung angestrebt, die möglichst nahe an den Bedürfnissen der Kunden, in diesem Fall der Banken, sei. Deshalb findet der Handel auf der Plattform der Börse Stuttgart statt, lediglich die Abwicklung erfolgt auf der Blockchain. Abgerechnet wird in «realen» Franken – obwohl das System auch bereit wäre, tokenisierte Franken oder Stablecoins zu verarbeiten. «Momentan möchten die Banken noch mit Fiat-Franken abrechnen», sagt dazu Ruflin.

Dank dieser Fähigkeiten könne die Infrastruktur der BX Digital auf Systemen aufbauen, über welche die Banken bereits verfügen. «Es braucht nur minimale Anpassungen», sagt Ruflin. Der Handel auf der DLT-Infrastruktur der BX Digital soll in sechs Monaten aufgenommen werden. Die Kunden der BX können dann wählen, ob sie mit digitalen oder traditionellen Wertschriften handeln wollen.

Der Custodian entfällt

Revolutionär an der neuen DLT-Infrastruktur ist insbesondere, dass der Zentralverwahrer wegfällt. Bisher werden Aktien, Obligationen etc. von einem Custodian verwahrt und beim Handel von der Bank des Verkäufers zur Bank des Käufers transferiert. In der BX-Digital-Infrastruktur bleiben die Wertschriften auf der Blockchain und im Besitz der Bank. Später soll auf der Plattform auch der Handel mit neuartigen digitalen Vermögenswerten möglich sein, also beispielsweise tokenisierten Private-Equity-Anteilen.

Die BX Digital denkt gross. Man hat für den DLT-Kapitalmarkt nicht nur die Schweiz im Blick, sondern ganz Europa – was sich mit dem Mutterkonzern in Stuttgart auch anbietet. Die DLT-Infrastruktur basiert auf einer öffentlichen Ethereum-Blockchain, was für die Anbindung weiterer Partner eine gute Voraussetzung bietet. Lidia Kurt zieht einen grossen Vergleich heran: «Zu Beginn des Internetzeitalters hat man nicht vorgesehen, dass es dereinst Geschäftsmodelle wie Instagram und Uber geben wird.»

Vergleich mit Initiative der Deutschen Börse

Vor wenigen Tagen haben die Deutsche Börse, Clearstream und die Schweizer Tochter Crypto Finance ein vergleichbares Projekt lanciert. Der grosse Unterschied: Das Projekt der Deutschen Börse startet vorerst nur mit Kryptowährungen. Die Betreiber betonen aber, dass sich über das System jegliche Art von tokenisierten Wertschriften handeln lassen. Die Infrastrukturlösung von BX Digital schliesst den Handel mit Kryptowährungen dagegen explizit aus und fokussiert sich auf tokenisierte Assets.

«Die Ideen sind nicht identisch, es werden andere Ziele verfolgt», sagt Gregor von Bergen, Spezialist für digitale Assets beim Beratungsunternehmen Capco in Zürich. Die Crypto-Finance-Plattform ermögliche, dass Banken heute klassische Kryptowährungen verwalten könnten. Das Projekt der Stuttgarter Börse gehe einen anderen Weg und bringe klassische Wertpapiere auf eine öffentliche Blockchain. Dieser Ansatz ermögliche es, Banken gänzlich auszuschalten und sei somit noch weitreichender.

Grosser, träger Konkurrent

Doch an der grundsätzlichen Problematik auf dem Finanzplatz Schweiz ändert die BX Digital mit der neuen Initiative vorerst nichts. Der grosse Konkurrent SIX – oder in diesem Fall deren digitale Tochter SDX – gehört den Schweizer Banken. Diese werden wenig Motivation zeigen, auf das neue System zu wechseln und das etablierte System zu verlassen – auch wenn es weniger effizient ist. Diese Problematik zeigte sich bereits bei anderen Initiativen der BX, etwa beim Handel mit internationalen Aktien in Schweizer Franken. Die BX muss darauf hoffen, dass steter Tropfen den Stein höhlt und die Banken bald nicht mehr an einem Wertschriftenhandel mit DLT-Technologie vorbeikommen.

«Die BX Digital hat gute Chancen, eine echte Konkurrenz für die SDX zu werden, da sie sich insbesondere auf öffentliche Blockchains fokussiert und dabei eine schon seit Jahren gehegte Vision wahrmacht», wendet Gregor von Bergen ein. Auch Emittenten für entsprechende Produkte könne man sicherlich finden. Das Risiko liege bisher immer noch auf der Kundenseite. Noch nicht jeder könne gemäss von Bergen mit Metamask und ähnlichen Anwendungen umgehen und die privaten Schlüssel verwalten. Hier brauche es Innovationen. «Insgesamt ist das Projekt ein Fingerzeig für die Finanzindustrie und weist den Weg, wie Börsenhandel in der Zukunft aussehen kann. Für die Schweiz birgt die Entwicklung eine echte Chance», ist der Capco-Experte überzeugt.

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