Digital Assets Briefing
Bei Stablecoins führt kein Weg am Dollar vorbei. Allerdings fliessen hohen Erträge an kaum regulierte Firmen im Ausland. Das müsste nicht sein.
13. Februar 2026 • Werner Grundlehner

Die Schweiz kommt zu spät. Bis ein Finma-regulierter Franken-Stablecoin auf den Markt kommt, dürfte sich das Jahrzehnt dem Ende zuneigen. Damit wird sich der Finanzplatz einen gewichtigen Nachteil einhandeln. Stablecoins haben sich rasch zu einem wichtigen Finanzprodukt entwickelt, das auch ausserhalb der «Hardcore-Krypto-Szene» benutzt wird.

Über 99 Prozent des Stablecoin-Volumens ist in Dollar emittiert. Der Markt, der über 300 Milliarden Dollar umfasst, wird von den Anbietern Tether und Circle – mit Dollar-Coin (USDC) – dominiert. Diese beiden vereinen wiederum rund 83 Prozent der digitalen Dollar auf sich. Das Geschäft ist hochprofitabel. Die Rendite der hinterlegten Sicherheiten darf nicht an die Dollar-Halter ausgeschüttet werden. Tether hat im vergangenen Geschäftsjahr einen Gewinn von rund 15 Milliarden erwirtschaftet.

Die Verzinsung zugänglich machen

In der Schweiz dagegen gibt es bestenfalls ein leichtes Zucken im Stablecoin-Segment. Einerseits wird mit Coins gearbeitet und experimentiert, die nur als Abrechnungseinheiten zwischen Finanzdienstleistern funktionieren – etwa von Sygnum und der Nationalbank. Andererseits lancierten die Frankencoin-Association, die den Frankencoin emittiert hat, und das Start-up Plusplus AG zu Jahresbeginn ein Angebot, dass den Stablecoin-Geschäftsfall – Verzinsung einer wertstabilen Kryptowährung – für Privatanleger zugänglich macht.

Der Frankencoin basiert auf der Doktorarbeit des Kryptoexperten Luzius Meisser und ist bereits im März 2023 lanciert worden. Dieser Stablecoin kommt ohne zentralen Emittenten aus und fusst auf einem regelbasierten System von Smart Contracts. Jede Person, die tokenisierte Vermögenswerte hinterlegt, kann selbst Frankencoins schöpfen. Mit dieser Dezentralität umgeht der Frankencoin die Regulierung von Stablecoin-Emittenten.

Im vergangenen Jahr betrug das Emissionsvolumen des Frankencoin rund 28 Millionen Franken, das durch ein Vielfaches an Einlagen besichert ist. Als IBAN-basierte Lösung von Gnosis Pay ist der Frankencoin in den Zahlungsverkehr integriert und wird etwa an der Kasse des Detailhändlers Spar akzeptiert. Über Paywell hat der Stablecoin einen Zugang zur dezentralen Finanzwelt (DeFi). Im vergangenen Jahr erzielte der Stablecoin eine Rendite von 4 Prozent. Hier kommt das Angebot von Plusplus ins Spiel.

Die Liquidität bewirtschaften

Das Startup hat ein Exchange Traded Product (ETP) auf den Frankencoin aufgelegt. Für Unternehmens- und institutionelle Kunden, bietet das Unternehmen den Kunden eine attraktive Rendite für seine überschüssige Liquidität in einem Umfeld mit Nullzinsen an. Kurzfristige Anlagen sollen so einfach bewirtschaftet werden können. Im zweiten Quartal wird ein Mietkautionsprodukt in Zusammenarbeit mit Zinsli lanciert, das Unternehmen betreibt eine Plattform für Mietdepots.

Der Frankencoin wird aktuell mit 4 Prozent verzinst, diese Verzinsung ist nicht fix, sondern hängt vom Marktumfeld ab. Für Anleger fällt eine Management-Gebühr für 0,4 Prozent – beim Treasury-Produkt fällt eine Performancegebühr an. «Für das Jahr 2026 streben wir für die Produkte ein Investitionsvolumen von 20 Millionen Franken an», sagte Benjamin Rossi, CEO von Plusplus, Ende Januar am Lancierungsanlass in Zürich.

Beim ETP investieren die Anleger nicht direkt in einen Token, sondern in ein Finanzinstrument mit ISIN-Nummer, das über die gewohnten Verkaufskanäle der Banken verfügbar ist. Beim Treasury-Angebot werden die Positionen in segregierten Wallet-Strukturen gehalten, wobei Plusplus alle operativen Aspekte wie Konvertierung, Verwahrung und Interaktion mit Smart Contracts übernimmt.

In der Schweiz erst in der Vernehmlassung

Viele private Anbieter in Europa warten, bis der gesetzliche Rahmen definitiv gesetzt wird, bevor sie Stablecoin-Projekte starten. Zudem übernehmen im europäischen Umland staatliche Anbieter oder die Europäische Zentralbank die Initiative für digitale Landeswährungen. Frankencoin und Plusplus verfolgen dagegen das US-Modell und testen mit ihrem Angebot den bestehenden gesetzlichen Rahmen aus.

Die grösste Herausforderung für die Initiative dürfte sein, einen Weg durch den regulatorischen Nebel zu finden. Mit der Aufsichtsmitteilung im Juli 2024 legte die Finma Schweizer Stablecoins grosse Hürden in den Weg. Nach den Richtlinien benötigen Emittenten eine Banklizenz und jeder Halter eines Tokens müsste einmal identifiziert werden (KYC-Verfahren). Nach heftiger Kritik an dieser Auflage, die eine Emission von Stablecoins praktisch verunmöglicht, sind neue Gesetzesgrundlagen erarbeitet worden, die den Kryptobereich fördern sollen. Denn mittlerweile haben die EU und die USA deutlich kryptofreundlichere Gesetze erlassen.

Doch bis das Schweizer Gesetz greift, wird noch viel Zeit verstreichen. Die erste Vernehmlassung ist gerade erst abgeschlossen worden. Plusplus respektive das Frankencoin-System müsste auch über Blacklisting-Fähigkeit verfügen, d.h. das System muss technisch in der Lage sein, verdächtige Konten zu sperren. Dies erfordert wiederum eine zentrale Eingriffsmöglichkeit im dezentralen System.

Nachteile der Dezentralität

Der Erfolg dieses Projekts muss also noch zahlreiche Hürden nehmen. Offen bleibt, ob zwei kleine Schweizer Unternehmen – in einem globalisierten Markt – ein Standing erreichen, das im breiten Retailmarkt Bestand haben kann. Der Track Record des Frankencoin ist eher bescheiden. Im vergangenen Jahr erreichte er zwar ein Transaktionsvolumen von annähernd 200 Millionen Franken. Ein Vertreter der Association räumt aber ein, dass der überwiegende Teil davon auf Arbitragegeschäfte entfiel. Ein verschwindender Teil ist beim Zahlungsanbieter Gnosis oder gar an der Kasse des Detailhändlers Spar, die Bezahlungen mit dem Coin unterstützen, verwendet worden.

Die Vorteile der dezentralen Organisation des Frankencoin werden, wenn es um Marketingpower und Öffentlichkeit geht, zum Nachteil. Niemand fährt eine Marketing-Kampagne, die die Vorteile dieser Geldschöpfung und Zahlungsmöglichkeit preist. Auf der anderen Seite ist der Frankencoin mit dem bescheidenen Transaktionsvolumen unter dem Radar des Regulators gelaufen. Das scheint sich mit zunehmendem Erfolg und neuen Kooperationen zu ändern.

Der ETP von Plusplus könnte dem Frankencoin zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen. Das Start-up muss sich aber gegen eine Vielzahl von ETP- und ETF-Anbieter behaupten, die bereits ein Kryptoangebot mit Milliardenvolumen vertreiben. Der Frankencoin ist ein mutiges technisches Statement gegen die Zentralisierung. Doch im Finanzwesen gewinnt selten die eleganteste Technik, sondern meist die grösste Bilanz. Die beiden Anbieter müssen beweisen, dass Dezentralität mehr ist als ein ideologisches Nischenprodukt.

So funktioniert der Frankencoin
Die Geldschöpfung mit dem dezentralen Stablecoin ist mit einem Lombardkredit vergleichbar. Gegen hinterlegte tokenisierte Sicherheiten erhält der Benutzer vom System frisch gedruckte Frankencoins, keine Bank entscheidet, ob etwa für eine Hypothek oder ein Firmenkredit Geld geschöpft werden soll. Als Sicherheit werden tokenisierte Aktien von Unternehmen aber auch Kryptowährungen wie Bitcoin und Ether akzeptiert. Theoretisch kann jeder frei handelbare Token hinterlegt werden. Im Gegensatz zu anderen Stablecoins ist der Frankencoin «orakelfrei» und stützt sich zur Bewertung der Token nicht auf externe Anbieter, wie etwa Chainlink, die von Hackern angegriffen werden könnten. Beim Frankencoin wird der Wert im Auktionsverfahren bestimmt.

Tippinpoint an der Finanz’26

Im Rahmen der Finanz’26 veranstaltet Tippinpoint im Open Forum ein Medienroundtable zum Thema «Bitcoin & Co. im privaten Portfolio». Das Panel findet am 25. Februar 2026, um 17 Uhr, statt. Es diskutieren Julian Liniger, Co-Founder und CEO, Relai; Jonas Gantenbein, Head of Digital Assets bei der Bank Frick, sowie Marcel Oldenkott, Geschäftsführer und Co-CIO von BIT Capital. Moderiert wird das Roundtable von Werner Grundlehner, Kryptoexperte und Wirtschaftsjournalist Tippinpoint.

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